(irr) Jede Zeit hat ihre Heilsbringer. Rein menschlich betrachtet, ist Ludovico Einaudi ein solcher. Der italienische Pianist will jener "Hektomatik-Welt", die STS schon 1985 diagnostiziert hatten, ein kostbares Gut zurückgeben: Ruhe. Einaudi, Enkel eines Staatspräsidenten und Sohn eines Verlagshausgründers, hat das Gespür für globale Bedürfnislagen: "Die Idee meiner Musik ist, die Menschen die Zeit anders erfahren zu lassen"; die "Stille hinter der Musik" sollen sie fühlen.

Mit dieser Musiktherapie hat der einstige Kompositionsschüler von Luciano Berio inzwischen Genregrenzen gesprengt. Zwar ließen sich meditative Klavierstücke wie "Le onde" noch irgendwie dem Minimalismus zurechnen; tatsächlich hievten sie ihren Schöpfer in den Rang eines Popstars für gehobene Chillout-Ansprüche.

Das erwies sich beim Wien-Auftritt nun nicht nur an einem rappelvollen Großen Saal im Konzerthaus, sondern auch gewissen Gepflogenheiten: Da wurde das Ohr vorab mit hellen Klingklang-Loops gekitzelt, das Saallicht später fürs elektrisch verstärkte Ensemble gelöscht und ausreichend Trockeneis freigesetzt, um eine mittlere Gorillahorde einzunebeln.

Musikalisch war mit den Klingel-Loops aber schon alles gesagt: Bei Einaudi setzte es harmonietrunkene, sanft wiederholte Rhythmen. Für immer und immer. Und immer. Der Umstand, dass die perlenden Dreiklänge dabei nicht nur von Streichern, sondern auch Britzel-Elektronik umflort waren, ließ ihren Schöpfer mehr denn je nach Café-del-Mar-Anbieter für Erwachsene klingen. Wobei man auch von Klang gewordenem Raumspray oder Krankenhausserien-Balladen ohne Gesang hätte sprechen können, wären die Rhythmen nicht ab und zu forscher abgestottert worden. Wer weiß: Vielleicht hielt dies ja Musiker und Publikum wach. Zuletzt jedenfalls viel Applaus.