London. Sir Colin Davis ist am Sonntag in London gestorben. Der am 25. September 1927 in Weybridge geborene englische Dirigent galt als Konstante des britischen Musiklebens und als einer dessen international respektiertesten Botschafter. Die beiden Säulen seiner Karriere waren die Werke von Hector Berlioz und Michel Tippett.

1959 dirigierte Davis erstmals am Royal Opera House Covent Garden, dem er bis zu seinem Tod verbunden blieb, obwohl seine Zeit als Chefdirigent des Hauses (1970-1987) zu Beginn sturmgeschwängert war. Er nützte seine Position, um Opern von Alban Berg und Alexander von Zemlinsky ebenso ins Repertoire zu holen wie Michael Tippetts Opern "The Knot Garden" und "The Ice Break". Die Produktion von Benjamin Brittens "Peter Grimes" gilt als Höhepunkt der Ära Davis.

Von 1983 bis 1993 war Davis Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, die Sächsische Staatskapelle Dresden, der er lange Jahre verbunden war, ernannte ihn 1991 zum Ehrendirigenten - er war der Erste und ist bisher der Einzige, dem diese Ehre in der rund 465 Jahre langen Geschichte dieses Orchesters widerfuhr. 1959 hatte er erstmals das London Symphony Orchestra dirigiert, es folgte eine enge Dauerbeziehung und 1995 die Ernennung zum Chefdirigenten. Diese Position hatte Davis bis Ende 2006 inne.

Zwei Leistungen von Davis sind von musikhistorischer Bedeutung: sein Engagement für Hector Berlioz und jenes für Michael Tippett. Davis war der erste Dirigent, der die Bühnentauglichkeit der lange Zeit als unhandlich geltenden Opern Berlioz’ nachwies. Es war auch eine Pioniertat, dass Davis das Gesamtwerk von Berlioz auf Schallplatteneinspielungen vorlegte. Das Werk von Michael Tippett favorisierte Davis unabhängig davon, dass Tippett eine radikale stilistische Wandlung von melodiös dominierter Neoromantik zu einer kargen, herb dissonanten Musik vollzog.

Davis verstand es, Werke in dem für sie vorteilhaftesten Licht leuchten zu lassen, ohne ihnen einen Interpretenwillen aufzuzwingen. Auch bei Britten funktionierte das vortrefflich: Seine Aufführungen von "Peter Grimes", "The Turn of the Screw" können als exemplarisch gelten, und niemand ließ "A Midsummer Night’s Dream" verführerischer funkeln als Davis. Dass er auch die dunkle Farbpalette von Jean Sibelius erfasste und die Sinfonien in bohrender Intensität entwickelte, zeugt von der fast beispiellosen Universalität dieses Dirigenten.