Lauter Außenseiter

Die Nationalsozialisten glaubten, ihn als arischen Heilsbringer dem jüdischen Christus entgegensetzen zu können und begriffen nicht, dass Wagner in Wahrheit einem Glauben auf der Basis des mitfühlenden Herzens im Gegensatz zu einer Religion auf dem Fundament zunehmend erkaltenden Intellekts das Wort redete.

Außenseiter, wohin man schaut bei Wagner: Im "Ring" sind es Loge, Siegmund, Mime und Alberich, die diese Parts verkörpern. Vielleicht mag man sogar Siegfried hinzurechnen und an ihm die Tragödie eines Menschen exemplifiziert finden, der sich anpassen will und an der Gesellschaft zugrunde geht.

Selbst die "Meistersinger von Nürnberg" erzählen eine Außenseitergeschichte - aber es ist nicht die des Stadtschreibers Beckmesser, wie man so oft behauptet, sondern die des Ritters Stolzing, der in die bürgerliche Gesellschaft einzudringen begehrt. Und die rückt denn auch, man hat sich schließlich eben erst vom Adel losgesagt, ganz eng zusammen. Beckmesser ist nicht der Außenseiter dieser Gesellschaft, er ist, ganz im Gegenteil, ihr Vollzugsorgan, und jeder seiner Tricks wird akzeptiert.

In "Tristan und Isolde" wiederum ist der alternde, verliebte König Marke so einsam, wie ein Mensch nur sein kann. Sogar - und das ist Wagners vielleicht genialste Manipulation der Gefühle - die Zuschauer verlassen ihn und fiebern mit dem Liebespaar mit. Doch Marke ist die eigentliche tragische Gestalt der Oper: verlassen von allen, betrogen und verraten, der jämmerlichste König überhaupt. Der einzige Mensch, der um ihn klagt, ist er selbst. Und gibt sich damit eine weitere Blöße.

Wagner heute - das bedeutet also nicht mehr germanische Götter und Helden und keine Erlösung durch selbstaufopferungswillige Frauen; Wagner heute bedeutet die Auseinandersetzung mit Themen wie das Individuum im Gegensatz zu einer sich selbst definierenden Gesellschaft, es bedeutet freilich auch die Aufarbeitung der Geschichte. Darum einen Bogen zu machen, wäre ein ebenso großer Fehler, wie Wagner heute einzig und allein darauf zu reduzieren, wie es etwa Burkhard C. Kosminski in seiner "Tannhäuser"-Regie an der Deutschen Oper am Rhein machte, in der er Vergasungen und Erschießungen durch NS-Angehörige zeigte und dafür vom Direktor der jüdischen Gemeinde von Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, belehrt wurde, dass Wagner zwar ein "glühender Antisemit" gewesen sei, jedoch: "Wagner hatte mit dem Holocaust nichts zu tun."

Fragt sich nur, ob Szentei-Heise hier nicht zu mild urteilt. Wagner heute, das heißt schließlich auch, die historischen Fakten zu durchleuchten. Und die sehen nun einmal so aus, dass Wagner 1850 einen Aufsatz unter dem Titel "Das Judenthum in der Musik" verfasste und am 3. und 9. September desselben Jahres in der "Neuen Zeitschrift für Musik" veröffentlichte. Als Pseudonym wählte Wagner K. Freigedank, als sei ihm - "man wird doch noch frei denken dürfen, selbst, wenn das Gedachte Unsinn ist. . . " - der Inhalt des Essays durchaus auch ein wenig peinlich. Wagner hielt den Aufsatz freilich für wichtig genug, ihn im Jahr 1869 nochmals, jetzt unter eigenem Namen, als eigenständige Broschüre herauszubringen. Der Inhalt des Aufsatzes ist die Behauptung von der Macht der Juden und eine Aburteilung jüdischer Komponisten als unfähig, "sich uns künstlerisch kundzugeben". So übel die mit antijüdischen Stereotypien gestützten Polemiken auch sein mögen: Sie allein wären kein Weg in die Schoah. Doch Wagner erfindet tatsächlich eine Sprache und transportiert mit ihr eine Geisteshaltung, die, fällt sie auf den entsprechenden Boden, geradezu naturgemäß wachsen muss.

Wagner und die Juden

So spricht Wagner nicht von "Juden" oder "jüdischen Komponisten", sondern er verwendet den Begriff "der Jude" , womit er Juden typisiert und gleichzeitig entmenschlicht. Der deutsche Musikwissenschafter Carl Dahlhaus beobachtet darüber hinaus: "Er (Wagner, Anm.) macht es dem Judentum - der Allegorie, für die dann die realen Juden einstehen müssen - keineswegs zum Vorwurf, dass es bösartig sei, sondern behauptet mit gelassen-richterlicher Geste, dass das Judentum von der Geschichte - einer Instanz also, gegen deren Spruch es keine Berufung gibt - zur Schlechtigkeit verurteilt sei."

Der am häufigsten zitierte Satz ist dabei nicht das größte Pro-blem. Wagner schreibt zwar an "die Juden" gerichtet: "Aber bedenkt, daß nur Eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers, - der Untergang!" Doch dieser verschwurbelt formulierte "Untergang" meint nicht die physische Vernichtung aller Menschen jüdischer Herkunft, sondern, schlimm genug, die Auslöschung des jüdischen Glaubens als der identitätsstiftenden Konstante.

Für die Publikation 1869 erweiterte Wagner seinen Essay freilich um ein Nachwort, das nun tatsächlich einen höchst problematischen Satz enthält: "Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müßten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist. Soll dagegen dieses Element uns in der Weise assimiliert werden, dass es mit uns gemeinschaftlich der höheren Ausbildung unsrer edleren menschlichen Anlagen zureife, so ist es ersichtlich, dass nicht die Verdeckung der Schwierigkeiten dieser Assimilation, sondern nur die offenste Aufdeckung derselben hierzu förderlich sein kann."