Zwar zieht sich Wagner wieder auf die Position der Assimilation zurück, aber eben nur, weil er die Kräfte nicht kennt, die zur "gewaltsame[n] Auswerfung des zersetzenden fremden Elements" führen könnten. Der Gedanke, dass Hitler und seine Helfer diese Kräfte zu kennen glaubten, liegt nahe.

Ist ein Autor verantwortlich zu machen, wenn er in hilflosem Formulierungsnotstand etwas von sich gibt, was als Aufforderung zum Mord an Millionen Juden gelesen werden kann? Dann wäre freilich auch Martin Luther haftbar zu machen - und der Glaubensreformator war ein philosophisch besser geschulter Kopf und weit geschickterer Formulierer als der Komponist. Immerhin hing auch Luther in seinen "Tischreden" Fantasien von der gerechtfertigten Judentötung nach: "Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams."

Wagner heute bedeutet, dies zu wissen, es zu wägen und entsprechend zu beurteilen. Das Urteil kann dabei individuell ausfallen. Immerhin mag man sich in der eigenen Urteilsfindung dem amerikanischen Dirigenten Leonard Bernstein verwandt fühlen, der auf die Frage, wie es für ihn als Juden sei, Wagner zu dirigieren, sagte: "Ich hasse ihn - auf Knien." Nicht legitim ist lediglich die Behauptung, "man habe es nicht gewusst".

Zumal gerade zum heutigen Wagner-Bild dieses Wissen um die Niederungen des Wagnerschen Geists dazugehören. Oder um das Wort von Boulez abzuwandeln: Wagner ist zu umfassend, um ihn allein positiv oder allein negativ zu sehen.

So forderte Wagner etwa die Abschaffung von Tierversuchen, propagierte die Entkommerzialisierung der Kunst und wetterte gegen den Kapitalismus: "Wie ein böser nächtlicher Alp wird dieser dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem scheußlichen Gefolge von öffentlichem und heimlichem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen."

Und er war, auf seinem ureigensten Gebiet, der Musik, der Neuerer schlechthin: Er forderte die "unendliche Melodie" im Gegensatz zur klar abgezirkelten Melodik der italienischen Komponisten. Und er erfand die Leitmotivtechnik - nicht das Leitmotiv selbst, das gab es schon vorher, etwa bei Carl Maria von Weber und Heinrich Marschner. Doch die Idee, aus einem begrenzten Motivvorrat eine gesamte Oper als symphonisches Geflecht zu entwickeln, ist tatsächlich neu.

Sozialist in Samt&Seide

Dass Wagner, als ob das nicht schon genug wäre, dabei den schönen Gesang zugunsten der Beschreibung menschlicher Seelenlandschaften mit allen Abgründen zurückdrängt, ist der Beginn jener Ästhetik des Musiktheaters, der von allen nachfolgenden Komponisten lediglich Carl Orff entkommen ist, und die bis heute Gültigkeit hat.

Man mag es dabei als Ironie auf allen Linien begreifen, dass der "Parsifal" des Antisemiten Wagner auf dessen eigenes Betreiben vom jüdischen Dirigenten Hermann Levy uraufgeführt wurde, dass Wagner nie eine "unendliche Melodie" schrieb, sondern ein Meister der klar umrissenen, mitunter hitverdächtigen Melodie war, dass der vegetarismusfordernde Wagner Fleisch aß, dass der Sozialist Wagner in Samt und Seide ging und eine Prunkvilla bewohnte. Vielleicht bedeutet Wagner heute halt auch, und keineswegs nur bei Wagner, Inkonsequenzen zu akzeptieren, und das Wollen höher anzusetzen als die reale Durchführung.

Kommt man freilich zu dieser Erkenntnis und legt sie an Wagner an, kann einem bei der "Judenthum"-Schrift schon angst und bang werden. Und da darf dann die Bewertung Wagners nicht damit enden, er sei eine der unverzichtbaren Säulen der abendländischen Musik, wenn nicht gar der abendländischen Kultur. Das ist er unbenommen - aber gleichzeitig ist Wagner auch eine der umstrittensten Gestalten der gesamten Geschichte. Bis heute.

Edwin Baumgartner, geboren 1969, ist Musik-, Kultur- und Feuilletonredakteur bei der "Wiener Zeitung".