Liebt Kinderinstrumente: Pascal Comelade. - © Claude Gassian
Liebt Kinderinstrumente: Pascal Comelade. - © Claude Gassian

Erfolgreich wehrt sich Pascal Comelade seit Jahrzehnten gegen einen Rummel um seine Person. Dies mag ein Grund dafür sein, warum er im deutschsprachigen Raum immer noch relativ unbekannt ist, obwohl er die Filmmusik zu Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon" (2005) beisteuerte und mit zahllosen Veröffentlichungen als Solist und zusammen mit anderen Künstlern (PJ Harvey, Robert Wyatt) aufwarten kann. "El Pianista Del Antifaz" erfüllt alle Erwartungen, die man an ein Comelade-Album stellen könnte: Es sprüht vor musikalischem Witz, ist voller Freude, mal melancholisch und frech, mal bizarr und verrückt. "Es ist ein Versuch des spontanen ‚Funs‘, wie bei den Ramones", erklärt Comelade der "Wiener Zeitung" - und erzählt, wer der Pianist hinter der Maske ist.

Der Titel "ist eine Referenz an die Welt der Bande dessinée" und an Künstler wie Willem oder Joost Swarte. Wieder einmal ist zu bemerken, wie sehr Comelade das Skurrile liebt. So marschieren Hydropathen (= jemand, der Patienten mit Mitteln der Hydrotherapie behandelt) über Knochen, um eventuell der Verkalkung vorzubeugen ("Hydropath marchant sur les os"). Ein Song heißt "Spinoza Was A Soul Garagist": "Eine Hommage an den Garage Rock der 1960er Jahre - betrachtet als Ethik des Rock ’n‘ Roll." Der nos-talgische Walzer "La Bella Dorita" meint "einen Star des Cabarets ‚El Molino‘ im Barcelona Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich liebe das Cabaret, das Varieté und alle einfachen musikalischen Formen - den Beginn des Blues, des Tangos -, B-Movies, Western, Jahrmärkte, die Magie und auch Monica Vitti, der dieses Lied gewidmet ist."

Bei "El Bolero Del Raval" hört man Comelades Nähe zu Nino Rota, neben Erik Satie, Thelonious Monk, Harry Partch, Jack Nitzsche oder The Residents eine seiner Inspirationsquellen.

Comelade wurde 1955 in Montpellier geboren und verbrachte in den 70er Jahren einige Zeit in Barcelona, wo er 1975 mit dem elektronischen Album "Fluence" debütierte. Sein besonderes Markenzeichen über die Jahre sollte aber der Einsatz von Kinderins-trumenten werden. "1983 bin ich von elektronischer zu akustischer Musik übergegangen. Ich habe versucht, ein Orchester zu gründen - das Bel Canto Orquestra -, das sich ganz aus Spielzeug- und reduzierten Instrumenten zusammensetzt: Plastiksaxofon, Plastiktrompeten, Spielzeugschlagzeug."

Rhythmisch dominieren seitdem Walzer und Tango - oder ungeschliffener Rock ’n’ Roll. "Ich fühle mich beim Komponieren einem abstrakten Maler sehr nahe. Die Bilder kommen nach der Fertigstellung. Seit vierzig Jahren mache ich Instrumentalmusik, die im Grunde nicht von einem Bild oder einer klanglichen Illus-tration vorherbestimmt ist. Es geschieht nach einer strikten Art der Produktion abseits von Klassik, Jazz, Folk oder Avantgarde. Dies in der Fortsetzung der Muzak- oder Instrumentalmusik der 60er- und 70er Jahre."

Die Produktionsweise des neuen Albums unterscheidet sich jedoch von der anderer Alben, wie Comelade betont: "Die vorherigen Platten wurden in sehr kurzer Zeit aufgenommen und abgemischt, am selben Ort mit denselben Musikern. Diese Platte ist über ein Jahr eingespielt worden: bei mir (in Céret am Rande der östlichen Pyrenäen, Anm.), in Barcelona, in Montpellier, bei jedem Stück mit verschiedenen Musikern. Es war ein Wunsch, die Information zu erhöhen - mittels eines traditionellen katalanischen Orchesters, Rockschlagzeugern."

Gegen Ende des Jahres plant Comelade eine Serie von Konzerten mit einem traditionellen Orchester aus Burma, mit dem er Instrumentalversionen von Bob-Dylan-Songs spielen wird. Dies darf aber nicht als politische Geste verstanden werden. "Ich meide wie die Pest alles, was an Theorie, Dogmen, Massenbewegungen, Gurus, Religionen, politische Parteien oder Totalitarismus erinnert. Ich denke, solange es Leute auf dieser Erde gibt, die Cartoons aus Plastilin erschaffen wie Wallace & Gromit, sowie Schriftsteller wie Alfred Jarry oder Rock ’n’ Roll wie jenen der Cramps, ist die Menschheit nicht verloren." Solange es Musik wie die von Comelade gibt, auch nicht.