Unglaubliche Geschichten


Viele, die sich Sommer für Sommer infizieren lassen vom Veroneser Opernfieber, schätzen den Claqueur - nur seine Geschichten dürfe man nicht alle glauben. "Er hat alle Tassen im Schrank, nur eben nicht immer in der richtigen Reihenfolge", sagt Robert Schweitzer. Der Deutsche organisiert seit 25 Jahren Reisen zu den Festspielen. "Giancarlo hat schon einmal einer Sängerin den Abend gerettet. Ihr Auftritt war zu Beginn ziemlich schlecht. Doch sein Applaus hat sie so aufgebaut, dass sie am Ende eine der besten Performances ihrer Karriere abgeliefert hat."

Doch "Viva Verdi", so sein Spitzname, hat auch eine schelmische Seite. Robert Schweitzer kann sich erinnern, wie der Claqueur einer bekannten Solistin von einem Gala-Essen erzählte, das Schweitzer für sie nach der Vorstellung ausrichten werde. Nur wusste der Veranstalter nichts davon. Die Primadonna stand alleine im Restaurant.

Wenn um Mitternacht die letzten Takte Musik verklingen, ist ein Opernabend in Verona nämlich noch lange nicht zu Ende. "So eine Nacht muss man lang und langsam ausklingen lassen", meint Robert Schweitzer.

Das sehen anscheinend auch die Mitglieder des Vereins "Verona Lirica" so, in dem sich 700 Opernbegeisterte organisiert haben. Viele davon trifft man in den Cafés und Restaurants um die Arena. Hier sitzt oft auch der Journalist Gianni Villani, der genau Buch geführt hat, wie viele "Aidas" er hier schon gehört hat: 279. Auch Maria Callas hat er in dem Amphitheater noch erlebt, bei seinem ersten Opernbesuch im Alter von neun Jahren.

Seither dokumentiert der Reporter die Geschichte der Festspiele und kennt auch die ganzen Anekdoten. "Die Sänger waren früher unglaublich abergläubisch. Sie hatten unzählige Amulette und Madonnenstatuen in ihren Kabinen. Ein Solist ist auch nicht aufgetreten, weil er eine schwarze Katze hinter der Bühne gesehen hatte."

Liebe und Oper


Doch manchmal meint es das Schicksal auch gut mit den Organisatoren: Als bei einer "Carmen"-Aufführung der Tenor erkrankte und auch sein Ersatz plötzlich seine Stimme verlor, entdeckte ein Mitarbeiter einen amerikanischen Tenor im Publikum, der eigentlich nur die Vorstellung genießen wollte. Der Gast wurde beim Orchester versteckt und sang die Oper meisterlich - während sein erkrankter Kollege auf der Bühne nur Pantomime spielte.

"Das Leben ohne Musik ist ein Fehler. In die Oper zu gehen ist kein Hobby - wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen", sagt Giuseppe Tuppini, der Vorsitzende des Zirkels. Um seine zukünftige Ehefrau zu testen, schleppte er sie zu sieben Vorstellungen von "Turandot" - hintereinander. "Inzwischen sind wir verheiratet", schmunzelt er. "Aber die Oper ist immer noch meine Geliebte."