Seit dem Ende von Sonic Youth kultivieren deren Ex-Mitglieder eigene Projekte. Kim Gordon etwa hat sich mit Bill Nace zusammengetan und Body/Head gegründet. - © Annabel Mehran
Seit dem Ende von Sonic Youth kultivieren deren Ex-Mitglieder eigene Projekte. Kim Gordon etwa hat sich mit Bill Nace zusammengetan und Body/Head gegründet. - © Annabel Mehran

Jenseits des Schönen lehrten uns Sonic Youth in den 1980er Jahren, dass Kakophonie und Krach nichts weniger als Kunst sind. Ohne die 1981 von Thurston Moore, Lee Ranaldo und Kim Gordon gegründete Band aus New York wären die Gitarrensounds und die musikalischen Landschaften der alternativen Musik andere geworden. Seit der Auflösung im Jahr 2011 verfolgen die Protagonisten ihre eigenen Projekte: Steve Shelley trommelt schon seit ein paar Jahren bei Disappears, Lee Renaldo tourt demnächst wieder mit The Dust und Thurston Moore hat in diesem Jahr mit seiner neuen Band Chelsea Light Moving ein Album vorgestellt. Das herausforderndste Projekt legt nun jedoch Kim Gordon zusammen mit dem Gitarristen Bill Nace vor.

Naive Ursprünglichkeit


"Coming Apart" ist eine konsequente Absage an Wohlklang- und Effektmusik. Streckenweise erinnern Body/Head an die "Confusion Is Sex"-Phase von Sonic Youth. Die naive Ursprünglichkeit der Musik (Gordon beharrt nach wie vor darauf, das Gitarrespielen nie erlernt zu haben) verleiht ihr in ihrer Sprödigkeit etwas nicht etwa Authentisches, sondern wunderbar Endliches. Gordon und Nace hatten sich eigentlich nur zum Improvisieren zusammengefunden. Doch aus den Improvisationen kondensierten sich Songs, die ihre spontane Entstehung selbst in konservierter Form erinnern lassen. Der performanceartige Charakter der Musik widerspricht im Grunde der medialen Wiederholbarkeit, wie sie durch LP oder CD möglich ist. Dennoch staunt man gerade bei der Wiederholung, dass der rohe, reduzierte und intime Sound "nur" aus zwei Gitarren und Gordons Stimme besteht.

Kim Gordon, 1953 in Rochester, New York, geboren, studierte am Otis College of Art and Design in Los Angeles. Nach ihrem Umzug nach New York City schrieb sie Anfang der 80er Jahre Kritiken u. a. für das "Artforum". 1982 kuratierte sie eine Ausstellung in der New Yorker White Columns Gallery, bei der etwa Künstler wie Tony Oursler und Mike Kelley präsentiert wurden. 1984 heiratete sie Thurston Moore. Die gemeinsame Tochter Coco kam 1991 zur Welt. Mit ihrem Auftreten beeinflusste Gordon - neben vielen anderen - die spätere Riot-Grrrls-Bewegung maßgeblich. Und noch mit sechzig Jahren wird sie sich auf der Bühne im Minirock präsentieren.

Musikalisch war Gordon abseits von Sonic Youth kompromisslos: So bei ihrem Experiment Harry Crews zusammen mit Lydia Lunch und Sadie Mae (1988/1989) oder bei ihrem Projekt Free Kitten im Verbund mit Julie Cafritz und Yoshimi P-We.

Gordon genügte es nie, "nur" Musik zu machen. Ihre eigenen künstlerischen Arbeiten wurden mehrfach ausgestellt, so in New York und auf der Biennale in Göteborg (2003), ferner in Wien (2004), in London (2005), in Graz (2009) oder auch in Berlin (2012).

Derzeit zeigt die White Columns Gallery eine Werkschau ihrer Arbeiten von 1980 bis 2013, die noch bis zum 19. Oktober zu sehen ist. Darunter befinden sich Fotografien, Videos, Malereien und Skulpturen. In den 90er Jahren entwarf Gordon zudem für X-Girl und 2009 mit Mirror/Dash eigene Modelinien. Gerüchte besagen, dass sie demnächst in der dritten Staffel der US-Serie "Girls" zu sehen sein wird.

Revolutionäre Vision


In der Musik wie in der darstellenden Kunst suchte Gordon häufig das Offene, Fließende und die revolutionäre (feministische) Vision mehr als die klar umrissene Form oder Struktur. Dies wird auch auf "Coming Apart" unterstrichen: Ein Höhepunkt bildet sicherlich das von sägenden Gitarren geprägte Traditional "Black Is the Color", dem Nina Simone einst emphatisch zu neuem Glanz verholfen hatte. Bei Body/Head wandelt sich das Liebeslied zu einer sperrigen Apokalypse, bei der es weniger um Sehnsucht als vielmehr um einen verzweifelten Abgesang auf die Liebe zu gehen scheint.

Immanuel Kant bestimmte das Genie als das Talent, "welches der Kunst die Regel gibt" ("Kritik der Urteilskraft"). Ohne das anachronistische Wort Genie zu bemühen, gab Kim Gordon der musikalischen Kunst die Regel einer gewissen Form der Regellosigkeit und etablierte die Dissonanz als stilbildend.

Davon erzählt auch "Coming Apart" auf bescheidene, aber eindringliche Weise.

Body/Head: Coming Apart (Matador/Beggars Group)