Mit gewohntem Nachdruck: Anna Calvi lässt auch auf ihrem neuen Album das Sanfte ins Ekstatische kippen. - © Foto: Roger Deckker
Mit gewohntem Nachdruck: Anna Calvi lässt auch auf ihrem neuen Album das Sanfte ins Ekstatische kippen. - © Foto: Roger Deckker

Jacques Lacan hat Anfang der siebziger Jahre einige Unruhe gestiftet, als ihm einfiel, dass die Frau nicht existiert ("La femme n’existe pas"). Nicht nur Feministinnen protestierten, waren real existierende Frauen doch der lebendige Gegenbeweis. Dass der Psychoanalytiker Lacan mit seiner These auf eine symbolische Ebene abzielte, wurde manchmal übersehen: Eine Frau, die Gitarre spielt, ist schließlich eine Frau, die Gitarre spielt - egal auf welcher Ebene. Oder etwa nicht?

Gender-Instrument

Seit der Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums im Jahre 2011 wurde das Gitarrenspiel Anna Calvis stets mit Bewunderung und Ehrfurcht überhäuft, als wäre es immer noch etwas Außergewöhnliches, als Frau zur Gitarre zu greifen. Fast sezierend wurde sie in Interviews nach ihrer autodidaktischen musikalischen Ausbildung befragt, als könne man ihr dadurch ein besonderes Geheimnis ihrer Musik entlocken.

Liegt dieses Interesse an ihrem Spiel - oder vielleicht daran, dass sie das Instrument als Frau "männlich" moduliert, seine Töne immer wieder bis zum Krach anschwellen lässt? Oder dass sie das männlich besetzte Instrument (Jimi Hendrix, Angus Young, Jeff Hanneman) feminisiert, indem sie es klingen lässt wie eine Violine? Hat das übersteigerte Interesse gar einen ganz anderen Grund, der in Calvis transzendentem Blick, ihrem spröden adeligen Auftreten oder ihrer Frisur im Stile der 1920er/30er Jahre zu suchen ist?

Vom Genderdiskurs um ihre Person zeigt sich Anna Calvi mal gelangweilt, mal genervt. Dennoch hat sie sich mit der Geschlechterthematik bereits in "I’ll Be Your Man" auf ihrem Erstling beschäftigt, und nun wieder mit "Tristan", in dessen Zentrum ein weiblicher Held steht.

Normalerweise thematisiert sie jedoch Alltagsphänomene wie Liebe, Herzschmerz und Einsamkeit. Bei der Konzentration auf die Schattenseiten des Daseins könnte man den Eindruck gewinnen, sie würde das Leben beinahe augustinisch als Leiden auffassen.

Ein Jahr lang hat die Londonerin an ihrem zweiten Album geschrieben. Es wurde in Frankreich aufgenommen und in Dallas, Texas, abgemischt. Produziert hat es John Congleton, der u.a. mit David Byrne, Bill Callahan, Disappears oder Xiu Xiu zusammengearbeitet hat. War Calvis Debüt von expressivem Blues geprägt, so wird dieser nun durch Westernanleihen ergänzt. Deutlicher als auf dem Vorgänger weitet sich der Spannungsbogen von zurückhaltenden Passagen bis hin zu hymnischer Verstiegenheit, vorgetragen im Stile einer Baronesse, die ihr eigenes Schloss zum Einsturz bringen will.

Die von ihrem italienischen Vater geerbte Liebe zu Opern, zu Debussy und zum Impressionismus tritt im Album eindringlich hervor. So erscheint "Love Of My Life" als dissonanter Garage Rock, der gegen Ende - "the rest was silence" - fern Shakespeare zitiert.

Elegisch und reflexiv


"Carry Me Over" entwickelt sich im Mittelteil zu einer Hitchcock-Phantasmagorie, und "Sing To Me" weitet sich zu einer Wüstenelegie. Calvi trägt ihre Songs mit gewohntem Nachdruck vor und baut erneut auf die Mischung von düsteren Klängen und romantischen Ellipsen, die musikalisch um ein Harmonium erweitert wurden.

Erst spät wandte sich die mittlerweile 33-Jährige dem Gesang zu. "One Breath" ist auch eine Reflexion über Veränderungen, über das Innehalten, "before you’ve got to open yourself up", wie Calvi den Moment selbst beschreibt. Dieser ist gleichermaßen erschreckend und aufregend. Immer wieder scheint Calvi diesen Augenblick anzustimmen, kurz bevor ihre Stimme vom Sanften ins Ekstatische umschlägt. Musik besteht nicht nur aus dem, was gespielt und gesungen wird, sondern auch aus dem, was nicht gespielt und was verschwiegen wird.

Das weiß auch Anna Calvi. Es wäre nur konsequent, würde ihr drittes Album eine Handvoll Chansons im Stile der von ihr sehr geschätzten Nina Simone oder Edith Piaf versammeln. Bis dahin jedoch dürfen die Hörer sich am melodramatischen Ohrenkino von "One Breath" und, ja, dem Gitarrenspiel einer Frau erfreuen.