Entzopfter Verdi: Tito You und Melba Ramos als Leonora. - © B. Palffy
Entzopfter Verdi: Tito You und Melba Ramos als Leonora. - © B. Palffy

Leonora wälzt im Negligé durchs kleinbürgerliche Jugendstil-Boudoir. Was folgt, sind zwischenmenschliche Verstrickungen ganz ohne das fürstliche Spanien des 15. Jahrhunderts. Auch in Ordnung, wenn sich die Volksoper zum ausgehenden Verdi-Jahr einen "Trovatore" im italienischen Original und ohne Historie schenken will. Nicht ganz neu ist die Inszenierung, sie stammt aus dem Stadttheater Bonn.

Entzopfen der genial komplexen Handlung, der gut intonierten Mischung aus emotionsgeladenem Eifersuchtsdrama und generationenübergreifendem Rachefeldzug inklusive finalen Brudermords waren beim Regieteam angesagt. So bekamen die acht Vorhänge projizierte Übertitel von "Gottesgericht" bis "Die Rache des Rivalen". Zur endgültigen Erläuterung setzten die Regisseure Dietrich Hilsdorf und Ralf Budde die Szenerie in einer Mischung aus Verdis Tagen und Gegenwart an. Dennoch blieben Fragen offen. Wie kam es zu der Verwechslung der Widersacher? Eindeutig hatten ihr die dümmlichen Zorro-Kostüme der Werber (Kostüme: Renate Schmitzer) den Sehsinn geraubt. Prompt schwangen sich zwei bereits von der Physiognomie unterschiedliche Brüder über die Hintertreppe ins Geschehen. Hier der amtierende Graf, Tito You als sportlicher Luna, gut intonierend, dessen permanent fehlende stimmliche Tiefe der Rolle jegliche Drohgebärde nahm. Da der hochtönig und körperlich präsente Manrico, Stuart Neill schmetterte seine (Anti-)Heldenmotive mit großer Geste in den Raum. Mit Schmelz brachte er das "Di quella pira" über die Bühne, wobei er nicht annähernd die ganze Kraft seiner Stimme für das Hausdebüt einsetzte. Ein Grammophon knatterte, statt des den Abend über solide agierenden Hauschors, das göttliche Miserere in den Raum. Dazwischen Leonora. Volksopernliebling Melba Ramos wusste mit ihrer dramatischen Stimmführung das Publikum trotz aller Absurdität zu fesseln.

Feuer und Flamme


Szenenwechsel ins Verlies: Inquisition und Hexenverfolgung sind auch ohne historische Gewänder nicht schön. Also nahmen rot uniformierte Fremdenlegionäre reichlich Folterwerkzeuge zur Hilfe. An dieser Stelle blieb selbst hart gesottenen Zusehern das Lachen im Hals stecken. Da wurde die arme Azucena gestreng der Vorlage mit Flammen gequält, das Blut triefte aus den gräulich gebohrten Augenhöhlen. Und sie triumphierte dennoch - nicht nur wie im Spiel vorgesehen.

Serienerkrankungen brachten die Volksoper in Besetzungsnotstand, dem die deutsch-griechische Mezzosopranistin Chariklia Mavropoulou ein glückliches Ende setzte. Mit voller Energie (sie brachte schon in "Stride la vampa" die Verzweiflung auf den Punkt) warf sie ihr Können in die Produktion. Wie sie sich in den gewöhnungsbedürftigen Bildern zurecht fand? Was für ein Zufall, dass sie die Bilder bereits aus Bonner Premierentagen kannte.

Nebenrollen waren mit Yasushi Hirano (Ferrando), Eva Maria Riedl (Inez) und Christian Drescher (Ruiz) zufriedenstellend besetzt. Dirigent Enrico Dovico stellte einigen Zund neben unerhört weite Generalpausen, aber wollte einfach nicht in den Nuancen der Partitur aufgehen. Das Drama hatte sich auf der Bühne abzuspielen, auch ohne sinnige Personenregie. Dem Ensemble wurde laut gedankt.