Grundsätzlich legt es McCombs hier wieder grobkantig an. Und wie es bei ihm gute Tradition ist, gibt es auch vor "Big Wheel And Others" wegen einiger Killer-Songs nicht wirklich ein Entkommen: Das sind hier etwa das insistente, bluesige "Home On The Range" oder das federnde "Brighter!" - das sowohl in McCombs eigener Version als auch in der Intonation der verstorbenen Schauspielerin Karen Black superb ist. (Bruno Jaschke)

Seit fast 25 Jahren machen Karin Bergquist und Linford Detweiler zusammen Musik, seit fast 18 Jahren sind sie miteinander verheiratet, doch auch nach 13 Alben kennt in Europa kaum jemand diese großartige Band aus Cincinnati, Ohio. Benannt nach einem der ältesten Viertel der Stadt, bezaubern Over The Rhine - in wechselnden Besetzungen - mit einer eigentlich nicht arg aufregenden, aber absolut feinen Mischung aus Folk, Country, Blues und Jazz. Getragen wird das Ganze von Karin Bergquists wunderbarer Stimme, die gerne mit der von Lucinda Williams verglichen wird. Die heuer erschienene Doppel-CD "Meet Me At The Age Of The World" (Great Speckled Dog/Cargo) ist ein vergleichsweise schwächeres Album, denn das musikalische Spektrum wird nicht wirklich ausgelotet - "The Darkest Night Of The Year" (1996), "Ohio" (2003) oder "The Long Surrender" (2011) sind noch deutlich beeindruckender. Für einen beschaulichen Winterabend, bei dem man dem Fallen des Schnees zusieht und ein wenig tiefer als sonst über das Leben nachdenkt, sind die 19 Songs aber mehr als gut genug. (Andreas Wirthensohn)

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Liebe, Lust und Leid - auf Nadine Shahs Debütalbum "Love Your Dum And Mad" (Apollo Records/Alive) kreisen die Texte um dunkle Begierden, vergangene Schmerzen, Rache, Verlust, Hoffnung und Sehnsucht. Von diversen Musikmagazinen schon zur nächsten PJ Harvey gekürt, beeindruckt die britische Songwriterin mit elf mit nüchterner Abgeklärtheit und lebensweiser Härte vorgetragenen Songs. Produzent Ben Hillier gelingt es, den Stilmix aus Industrial-Beat, Dark Wave, Jazz und Soul auf stimmige Weise in Balance zu halten und Shahs dunkles Timbre in verhallte Pianoklänge, schwer-mahlende Gitarrenläufe und schleppende Beats einzubetten. Obwohl Schmerz, Trauer und Wut die Grundthemen bilden, bietet die Kraft und Schönheit dieser Musik Anlass zur Hoffnung. Shahs virtuose Stimme, die noch die düstersten Geschichten und eindringlichsten Klagen sinnlich und einnehmend klingen lässt, ist ein Klangkörper mit Charakter. "I was a winter child", singt sie in "Winter Reigns" - diesem Befund ist nichts hinzuzufügen. (Heimo Mürzl)

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Burkhard Stangls wunderbare CD "Unfinished. For William Turner, Painter" (Touch) ist der gelungene Versuch, mit der E-Gitarre filigrane Klanglandschaften zu erzeugen, die auf die komplexe Simplizität der späten Gemälde von William Turner antworten. Dessen die Realität transzendierende, gleichsam nur aus Luft, Licht und Wasser komponierte Bilder hatte der Wiener Musiker erstmals 2003 in der Londoner Tate Gallery gesehen. Seitdem trat er mit der im Alter radikalisierten Malkunst des englischen Künstlers in einen Dialog, der ein gutes Jahrzehnt anhielt. Das Ergebnis dieses Austauschs kann sich - auch dank des stimmungsvollen Albumdesigns - sowohl sehen als auch hören lassen.

Stangl verlässt sich ganz auf seine Improvisationskünste an der Gitarre, um kontemplative Klänge zu erzeugen, die teils behutsam durch Field-Recordings und elektronische Geräusche ergänzt werden, woraus sich ein in seinen Klangfarben beständig changierendes Hörbild ergibt. Musik, die Bilder im Kopf hinterlässt. (U. Schütte)

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Nach dem Grammy für ihre erste Zusammenarbeit, das vor drei Jahren veröffentlichte Album "You Are Not Alone", haben Soul-Legende Mavis Staples und Wilco-Vorstand Jeff Tweedy auf Wunsch der Plattenfirma nachgelegt. Der im Juni erschienene Zweitling "One True Vine" (Anti) klingt noch intensiver, noch erdiger als sein Vorgänger. Tweedy hat wieder produziert und auch die meisten Instrumente eingespielt - im Vordergrund steht aber neben der unverwechselbaren Stimme von Staples meist nur der Klang seiner Gitarre.

Wenig Firlefanz und viel Essenz, dieses Motto galt schon immer für die in Chicago lebende Sängerin. "Sing mit deinem Herzen" hatte ihr Vater ihr schon in frühester Jugend vermittelt, und auch mit 74 Jahren lässt sich Staples nicht davon abbringen. Das gospelige Material wurde gemeinsam ausgewählt, darunter finden sich u. a. Perlen aus der Feder von Nick Lowe, Funkadelic oder Jeff Tweedy selbst - den perfekten Songanzug trägt Staples unaufgeregt, aber mit überwältigendem Charisma. (Francesco Campagner)

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Live-Alben sind für Musiker in der Regel eine gute Einnahmequelle, aber das muss nicht immer so sein. Drei Jahre nach ihrem letzten Studioalbum warteten heuer Under Byen aus Dänemark mit einem Konzert-Mitschnitt auf, der mit einer Spiellänge von knapp über 40 Minuten recht kurz geraten und nur auf Vinyl und als Download erhältlich ist. Kommerzieller Erfolg konnte der Band nun wirklich nicht vorgeschwebt sein, als sie sich zu dieser Veröffentlichung entschloss.

Die Musik unterstreicht demgemäß die Geste eines künstlerischen Anspruchs: Dem epischen "Film og Omvendt" wird mittels schmerzhafter kammermusikalischer Sezierung jegliches Pathos ausgetrieben. "Plantage" wird zu einer xylophonen Meditation und "Alt er tabt" überrascht mit monotonem Disco-Rhythmus. "Protokol" (A.larm) dokumentiert eine musikalische (Neu-)Verortung, die schillernd zwischen Jazz, Pop und klassischen Momenten oszilliert. Und im Zentrum der Klänge räkelt sich eine zauberhafte Henriette Sennenvaldt, die live noch sinnlicher klingt als bei den Studioaufnahmen. (Andreas Walker)