Leonidas Kavakos ist der geborene Romantiker. Nicht freilich in jenem abfälligen Sinn von Schwulst und Sentimentalität, den eine ernüchterte Nachkriegszeit mit jenem Begriff verband, sondern eher als dessen absolutes Gegenteil. Ähnlich wie das seines Violin-Kollegen Gidon Kremer ist das Spiel des Griechen eine radikaleAbsageanoberflächlicheGlätte und brillantes Virtuosentum.

Die musikalische Wahrheit


Dies ließ sich am Wochenende aufs Neue im Musikverein erleben, wo Kavakos seine Interpretation des Sibelius-Violinkonzerts als unerbittliche Suche nach der musikalischen Wahrheit anlegte. Dass dabei nicht immer alle Läufe in vollendeter Sauberkeit erklangen, nahm man bereitwillig in Kauf angesichts der selbstvergessenen Nachdenklichkeit, mit denen der 46-Jährige den rhapsodischen Episoden des Werkes Zeit zur Entfaltung ließ. Riccardo Chailly, der die Wiener Philharmoniker zuvor schon in Sibelius’ Tondich-
tung"Finlandia"zudunkler Schwere ermuntert hatte, forderte auch im Violinkonzert einen gehaltvollen Klang von bisweilen volkstümlicher Kernigkeit, um das Orchester am Schluss des Mittelsatzes auf bewunderungswürdige Weise im Nichts verhallen zu lassen.

Sibelius mit Bruckner zu kombinieren ist durchaus schlüssig angesichts der Bewunderung, die der Finne für den oberösterreichischen Komponisten hegte. Doch wirkte die "Sechste" nach diesem Kompendium nordischer Leidenschaft seltsam nüchtern, wenngleich die Philharmoniker dank Chaillys umsichtiger Leitung auch hier - zumal am Ende des Adagios - zu feinen, innigen Klängen fanden.

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