Der Mann hinter Xiu Xiu: Jamie Stewart changiert in seinem Schaffen zwischen Qualen und Schönheit. - © Foto: PIAS Cooperative
Der Mann hinter Xiu Xiu: Jamie Stewart changiert in seinem Schaffen zwischen Qualen und Schönheit. - © Foto: PIAS Cooperative

Xiu Xiu ist die vielleicht klangvollste wie auch radikalste Absage an Apologeten der Hoffnung. Wer sich der ursprünglich aus San José, Kalifornien, stammenden Band um Jamie Stewart aussetzt, ist Massenmördern, Vergewaltigern und Kinderschändern gnadenlos ausgeliefert. Dabei geht es keineswegs um Effekthascherei oder Tabubrüche. Die Themen werden bildreich als Zustände der Realität geschildert: Sie passieren in unserer Nachbarschaft, sind alltäglich und gesellschaftsimmanent.

Negative Analyse


Xiu Xiu können auf ein umtriebiges Jahr zurückblicken. Im Frühjahr 2013 veröffentlichte Jamie Stewart zusammen mit dem Oxbow-Sänger Eugene Robinson das minimalistische Miniaturenalbum "Sal Mineo", das an den bisexuellen Schauspieler und Sänger gleichen Namens erinnerte, der 1976 in West Hollywood erstochen wurde. Im Sommer gastierten Xiu Xiu beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg, wo sie zusammen mit dem Choreografen Jeremy Wade und der bildenden Künstlerin Monika Grzymala "Dark Material" auf die Bühne brachten. Im Herbst folgte dann das ambivalente Coveralbum "Nina".

Nun legen Xiu Xiu mit "Angel Guts: Red Classroom" ihr mittlerweile neuntes Studio-Album vor. Ab Februar wird die Band durch die USA touren, im Anschluss ist eine Russland- und Europatournee geplant.

Die grundsätzlich negative gesellschaftliche Analyse, die Xiu Xiu in ihren Liedern zuweilen mit schonungsloser Offenheit - Selbstdarstellungsexzesse Jamie Stewarts inklusive - zelebrieren, bedarf einer theatralischen Ausdrucksform: Das Dramolett, die kurze Szene, die harmlos beginnt und sich zur - manchmal pathetischen - Klimax entwickelt, hat sich als Form vielfach und bestens bewährt, um Themen wie Selbstmord oder unerwiderte Liebe zu inszenieren. Kaum so auf dem neuen Album, das vielleicht ihr bisher düsterstes geworden ist. Im Zentrum steht die Pornografie: Der Titel "Angel Guts: Red Classroom" ist einerseits eine Reminiszenz an den 1979 erschienenen japanischen Erotikfilm gleichen Titels, in dem die Erwartungshaltungen des männlichen Blicks von der Weiblichkeit herausgefordert und schlussendlich korrigiert werden. Andererseits bildet er die akustische Klammer des Albums. Neben Stewart sind Xiu Xiu diesmal Shayna Dunkelman und Angela Seo. Zu dieser Reduzierung im Personal - bei "Always" etwa wirkte 2012 noch ein ganzes Ensemble anderer Musiker mit - passt es, dass Xiu Xiu die Instrumentierung ebenfalls eingeschränkt haben. Der Sound basiert vor allem auf analogen Synthesizern und Drum Machines der 1970er Jahre.

Zeichneten sich jüngere Alben von Xiu Xiu gerade dadurch aus, dass sie die grauenerregende und brutale Wirklichkeit zum Teil kontrastreich in liebliche Melodien verwoben haben, so wirkt in den vierzehn neuen Songs alles nackter und spröder - und dabei so, als ließe sich die Wirklichkeit nicht länger verstecken. Angeblich ist Jamie Stewart nach vier Jahren in North Carolina zuletzt in einen Stadtteil von Los Angeles gezogen, in dem Gewalt und Mord an der Tagesordnung stehen - ohne dass er davon Kenntnis hatte. Mag sein, dass dieser Umstand die Erbarmungslosigkeit mancher Songs erklärt. Es wäre aber auch denkbar, das Xiu Xiu einen essentielleren musikalischen Ausdruck gesucht und gefunden haben.

Tiefe Qualen


Mit dem neuen Album besinnen sich Xiu Xiu auf das, was sie am besten können: Existentialismus in Ton formen, der das Absurde zum Klingen bringt. "Was ist ein Dichter?", fragte Søren Kierkegaard und gab gleich die Antwort darauf: "Ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen in seinem Herzen birgt, dessen Lippen aber so geformt sind, dass, indem der Seufzer und der Schrei über sie ausströmen, sie klingen wie schöne Musik."

Die tiefen Qualen, die Schreie und die Schönheit: All das lässt sich auf "Angel Guts: Red Classroom" zwischen der zurückhaltenden, fast zärtlichen Intonation Stewarts, den elektronischen Klangzeichnungen und einem energetischen Bersten tonaler Ketten, die den Hörer an die Schmerzgrenze treiben, finden. Gelegenheit, die eigene Existenz in Frage zu stellen, ist reichlich gegeben.