Die Ungerechtigkeit des Konzertlebens besteht darin, dass den Toten mehr Beifall zufällt als den Lebenden - zumindest, sofern es sich um schöpferische und nicht bloß um nachschöpfende Künstler handelt. Umso beachtlicher, wenn ein Komponist dieses Gesetz wenigstens teilweise außer Kraft setzt - zumal, wenn er auch in der Verbindung von Struktur und Fasslichkeit an klassische Vorbilder heranreicht.

Mit seinen "Drei Orchesterstücken" hat Friedrich Cerha einen Lebensrückblick in Töne gesetzt, der am Montag seine österreichische Erstaufführung erlebte. Organisch wachsende Spannungskurven und kolossale Entladungen, vor allem aber die komplexen Klangnetze des Eröffnungsteils weisen den Komponisten als Ahnherren der Klangflächenkomposition aus. Das frenetische Mittelstück ist mal morbides Scherzo, mal nostalgisches Innehalten, und im bedrückenden Schlussteil fließen Klangmassen wie zähe Lava.

Abgesehen von kleinen Koordinationsproblemen spielte das WDR Sinfonieorchester das 40-minütige Werk mit derselben Süffigkeit, als handle es sich um Mahler oder Schostakowitsch. Warmer Applaus würdigte weniger den Altmeister als den Umstand, dass der Komponist Cerha auch mit 88 Jahren keine Alterserscheinungen zeigt. Diesen mit seinem Vorbild Berg zu kombinieren überzeugte, weniger aber die Wahl der "Drei Bruchstücke" aus "Wozzeck‘", die gerade nicht die strukturelle Geschlossenheit anderer Werke Bergs besitzen. Zum Abschluss kam die musikalische Ahnenforschung mit Beethovens Fünfter Symphonie, die Jukka-Pekka Saraste zu kompakten, plastischen Klanggestalten modellierte. Jubel.

Konzert

WDR Sinfonieorchester

Wiener Konzerthaus