Erika M. Anderson: "Die Lieder fallen mir manchmal ganz einfach ein: im Zug, unterwegs." - © Erika M. Anderson
Erika M. Anderson: "Die Lieder fallen mir manchmal ganz einfach ein: im Zug, unterwegs." - © Erika M. Anderson

Wenn Cthulhu erwacht und aus dem Ozean emporsteigt, wird er eine Schreckensherrschaft errichten, die selbst den Tod auslöscht. Mit dem Ende des Todes wird auch alles Leben zugrunde gehen. Aber in jeder Apokalypse steckt auch eine Welterneuerung. Erika M. Anderson alias EMA spricht demgemäß in ihrer Version des von H. P. Lovecraft erdichteten Mythos von Erlösung. "Wir sollten uns nicht über zukünftige Zeiten sorgen", ergänzt die sympathische Musikerin ihre Gedanken über die Endzeit im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Alles ist hier. Wir leben in sehr futuristischen Zeiten und schauen jetzt in das Angesicht der Zukunft." Wird es dann keine Zukunft mehr geben, wenn diese sich jetzt ereignet? "Genau das ist die Leere der Zukunft", erklärt sie den Titel ihres neuen Albums, das am kommenden Freitag erscheint.

Realitätsschichten


Im Gegensatz zum Vorgänger "Past Life Martyred Saints" wirkt "The Future’s Void" eingängiger und popiger. "Ich weiß, dass das die Leute sagen. Ich verstehe das nicht ganz", sagt Anderson. "Das neue Album ist genauso noisy wie das zuvor. Klar, da gibt es ein paar musikalische Formen, wie bei So Blond, mit denen ich experimentiere." Pop oder nicht Pop - thematisch arbeitet sich Anderson diesmal an unterschiedlichen Realitätsschichten ab. In "Neuromancer" beschreibt sie das narzisstische Zeitalter der "Selfieness": "Wir sind Daten-Profile. Dass die Regierung in Abhöraktionen verwickelt ist, überrascht eigentlich niemanden. Aber dass die Konzerne unsere Daten sammeln, um uns zu noch besseren Konsumenten zu machen, ist beunruhigend."

Bei allen technologischen Mitteln, die das Musikmachen erst ermöglichen, weigert sich Anderson, den Menschen in einer technischen Existenz aufgehen zu lassen. "Es ist immer noch der Mensch, der Schlagzeug spielt. Der Rhythmus ist nicht perfekt. Das Timing ist vielleicht nicht richtig. Und das ist gut. Das versuche ich zu bewahren", erklärt sie im Hinblick auf den Schaffensprozess. Diesmal arbeitete Anderson intensiv mit Leif Shackelford zusammen, der ihr beim Feilen an den Songs beratend zur Seite stand. "Die Lieder fallen mir manchmal ganz einfach ein: im Zug, unterwegs. Die Idee kommt einfach heraus. Schwierig ist dann der Weg, sie in Töne zu setzen. Die richtigen Instrumente zu finden: das dauert sehr lange."

Anderson, die zuletzt ins musikalisch aufregende Portland gezogen ist, weiß sich differenziert zu inszenieren. Im Zentrum des Albums steht, jenseits aller Fragen über Zukunftsängste und Realitätsvorstellungen, ihre Stimme. Die Riot-Grrrl-Attitüde wird ebenso bedient wie der Punkgestus. Anderson spielt mit den Genres, um den für einen Song adäquaten Ausdruck zu finden. Nur mit den Bildern zu den Inszenierungen hat sie noch ihre Schwierigkeiten. "Ich kann mich viel leichter in der Musik und in Lyrics ausdrücken als vor der Kamera. Daran arbeite ich noch." Gleichwohl teilt sie sich gern offenherzig mit, sieht aber sehr wohl das Paradox. "Die eigene Privatsphäre zu schützen, fällt nicht ganz einfach. Gerade nach dem ersten Album war es besonders schwierig, eine Balancezwischen Öffentlichkeit und Privatem zu finden. Ich bin nach wie vor auf der Suche danach, wie man die Privatsphäre schützen kann." Inspiriert vom tragischen Tod der US-Schauspielerin Brittany Murphy thematisiert sie dieses Spannungsfeld auch im Schlussstück des Albums, "Dead Celebrity".

Zeitdiagnose


Anderson ist ein reflektiertes, zeitdiagnostisches Album gelungen. In "When She Comes" etwa wird die Nacht "terraformiert" - und nach dem "Selfie" somit ein weiteres Modewort verwendet. Wenn sie jedoch selbst die Gelegenheit zum Terraformen hätte, so denkt Anderson weniger an die Vererdung von Planeten oder Monden. Sie würde die Menschen so umformen, dass sie "mehr Empathie füreinander hegen. Nicht nur für fünf Minuten, sondern den ganzen Tag."

Bleibt noch die Frage, ob ihre Tournee sie auch nach Wien führen wird: "Ich würde gern. Ich liebe Wien. Es ist eine meiner Lieblingsstädte. Und wenn ich komme, würde ich gern gleich eine ganze Woche bleiben."

EMA: The Future’s Void. (City Slang/Universal)