Er spielt mithilfe der Notenbücher und betrachtet Tempoangaben dennoch als unverbindliche Empfehlungen: Seit mehr als drei Jahrzehnten erntet der Pianist Ivo Pogorelich mit exzentrischen Interpretationen gleichermaßen Verehrung wie Ablehnung. Sein geniales Fingerwerk ist dabei unbestritten, wovon man sich kürzlich einmal mehr im Konzerthaus überzeugen konnte.

Seinem Ruf wurde der Kroate freilich gerecht: In Sonaten von Frédéric Chopin (b-Moll, op. 35) und Franz Liszt (h-Moll, S 178) changierte er zwischen Berserkertum und Kuschelkätzchen. Eine Ausnahme bildete der berühmte Trauermarsch, dem Pogorelich dramatische Steigerungen verlieh, ohne die Grenze zur Maßlosigkeit zu berühren. Abgesehen von diesem dritten Satz der Chopin-Sonate zeigte er dem Flügel mit gewaltigen Fortissimi abwechselnd dessen Klanggrenzen auf und wog wenig später mit qualvoll gedehnten Largi nahezu in den Schlaf. Es waren Extreme, die mitunter eine beinahe parodistische Qualität erreichten. Ähnlich eigenwillig, wenn auch mit teuflisch rasenden Passagen zweifellos beeindruckend, interpretierte der Künstler außerdem Liszts ersten Mephisto-Walzer sowie Chopins Nocturne op. 48/1, die er anfangs zärtlich zum Schweben und später - gibt es eine Steigerung zu Largissimo? - annähernd zum Absturz brachte.

Nach der letzten Note des offiziellen Programms schob Pogorelich den Klavierstuhl unter die Klaviatur - es gab keine Zugabe.