Schon wieder eine Band aus Berlin, die mit elektronischer Musik zu reüssieren versucht - und die mit der Automatenmetapher spielt. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Doch die Zusammensetzung des Trios lässt aufhorchen. Gitarrist Jochen Arbeit (Die Haut, Einstürzende Neubauten), Schlagzeuger Achim Färber (Phillip Boa and the Voodooclub, Project Pitchfork) und Bassist Georg Zeitblom, der Ende der 90er Jahre zusammen mit Christian Fennesz die Elektroband Golden Tone bildete, haben sich 2011 zu einer gemeinsamen Formation zusammengefunden.

Als Die Haut Anfang der 80er Jahren anfingen, Post-Punk ins-trumental zu vertonen, war das zunächst ein gewagtes Experiment, da sie mehr auf expressive Rhythmen setzten als auf einen provozierenden Gestus. Schnell scharte sich jedoch eine illustre Runde von Gastsängern um die vier Musiker: Lydia Lunch, Nick Cave, Jeffrey Lee Pierce, Alan Vega, Kim Gordon und Blixa Bargeld, um nur einige zu nennen. Und an diese Tradition knüpfen nun auch Automat mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum an.

"Der karibische Western" von 1982 ist vielleicht der berühmteste Song von Die Haut. Lydia Lunch, die sich auf ihren letzten Alben immer mehr im Spoken-Word-Jazz heimisch fühlte, machte die Wüstenträume mit ihrer Stimme lebendig. Und so wird "The Streets" eine Reminiszenz an die Aufbruchstimmung der Berliner Szene der 80er Jahre, wenn Frau Lunch im Verbund mit Automat in wohligem Dub-Reggae durch die Straßen mäandert.

Genesis Breyer P-Orridge gehört die Besteigung des kalifornischen "Mount Tamalpais". Schon Lydia Lunch steht - insbesondere in den Filmen, in denen sie mitwirkte - für die Auslotung von Geschlechterrollen.

Dies trifft umso mehr für P-Orridge zu. In den 70er Jahren war er mit Throbbing Gristle aktiv, die die Industrial Music prägten und mit Themen wie Gewalt, Okkultismus und Serienmördern auf sich aufmerksam machten. In den 80ern gründete er mit seinem 2010 verstorbenen Kompagnon Peter Christopherson Psychic TV, ein weiteres Musikkunstprojekt, das fragile Balladen ebenso spielte wie Techno. Anfang der 2000er Jahre fing P-Orridge an, seinen Körper jenem seiner damaligen Frau Jacqueline Breyer anzunähern, indem er sich mehreren Operationen unterwarf, sich Brüste implantieren, Fett absaugen und seine Zähne durch ein goldenes Gebiss ersetzen ließ. So entstand das Zwitterwesen Breyer P-Orridge, das das ruhigste Stück des Albums interpretieren darf.

Für einen weiteren Gastauftritt sorgt Blixa Bargeld, sicherlich der Berliner Musiker der letzten dreißig Jahre schlechthin. Er wurde im Westteil der Stadt geboren und thematisierte mit den Einstürzenden Neubauten von Anfang an das Leben in der damals noch geteilten Stadt. Automat führt den Hörer mit Bargeld an den Schlachtensee in Steglitz-Zehlendorf, der - so viel scheint sicher - etymologisch nichts mit Schlachten zu tun hat.

Die vier anderen, instrumentalen Stück des Albums sind nach den von der International Air Transport Association vergebenen IATA-Codes der Berliner Flughäfen benannt: "THF" etwa meint den seit 2008 geschlossenen Flughafen Tempelhof, dessen zukünftige Nutzung (ebenso wie die Europawahl) am 25. Mai entschieden wird.

"GWW" wiederum, die Schlussnummer des Albums, bezeichnet den geschichtsträchtigen Flugplatz Gatow in Spandau. Diesen nutzte Adolf Hitler für seine Flüge nach Berchtesgaden. Hier landete das erste Flugzeug der Luftbrücke. Und von hier aus floh Beate Uhse beim Einmarsch der Roten Armee nach Barth in Mecklenburg-Vorpommern. 1994, im Jahr des Abzugs der Alliierten, wurde Gatow geschlossen.

Automat holen mit ihrem Album Erinnerungen an verschiedene Strömungen in die Jetztzeit zurück. Musikalisch treten sie dabei auf der Stelle, wobei sie gleichzeitig die Frage nach der Zukunft thematisieren, ohne sie auch nur andeutungsweise zu beantworten. Aber darüber kann ein Automat wohl keine Auskunft geben.

Automat: Automat. (Bureau B)