Braucht Raum und Weite: Christian Fennesz. - © Lorenzo Castore
Braucht Raum und Weite: Christian Fennesz. - © Lorenzo Castore

Die Welt ist die Wiederkehr des Gleichen: Alles wird noch einmal entstehen und vergehen, das gleiche Leid, die gleichen Schmerzen werden erlitten, die gleichen Freuden und das gleiche Glück werden erfahren werden. Die Welt ist gezwungen, sich zu wiederholen. Verfechtern dieser zyklischen Zeitauffassung riet der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, den Selbstversuch zu wagen: Ist eine Wiederholung in der Praxis tatsächlich möglich?

Eine solche versucht Christian Fennesz - zumindest motivisch - mit seinem neuen Album, wodurch sich ein 13-jähriger Zyklus zu schließen scheint. Mit "Bécs", Ungarisch für Wien, kehrt Fennesz nicht nur zu Peter Rehbergs Editions Mego (einstmals Mego) und somit zu jenem Label zurück, das seine ersten drei Alben veröffentlichte; er knüpft auch musikalisch an das lichte dritte, 2001 erschienene "Endless Summer" an, wobei er dabei auch seine Wegmarken "Venice" (2004) und "Black Sea" (2008) kreuzt.

War auf "Endless Summer" noch viel Geklicke zu hören, so lernte Fennesz über die Jahre - beeinflusst von Ryuichi Sakamoto -, dass ein Ton auch nur ein Ton sein kann, der in Ruhe gelassen werden will, um sich zu entfalten. Diese schlichte Weisheit reicherte Fennesz auf "Black Sea" mit zurückhaltenden Drone-Momenten an, die sogar eine kammermusikalische Zartheit entfalteten. Bei seiner musikalischen Reise nach Venedig verdichtete der Wiener die Soundarchitektur: Anstatt von Melodien geführt zu werden, wurde der Hörer auf "Venice" von Soundwällen auf- und abgewogen.

Konnte man also durch die Vorgänger harmonisch schwimmen lernen, so stellt "Bécs" darüber hinaus die Frage, ob die Klangschichten, werden sie luftiger, nicht auch das Fliegen ermöglichen könnten. Dieser Eindruck drängt sich zumindest beim Eröffnungstrack "Static Kings" auf: Nach anfänglich waberndem Puls entwickelt sich ein Arrangement von Tönen, die sich der Gravita- tion entziehen. Unterstützung bekommt Fennesz hierbei von Werner Dafeldecker (Bass) und Martin Brandlmayr (Schlagzeug).

Christian Fennesz wurde 1962 in Wien geboren. Bereits als Kind galt seine Leidenschaft der Gitarre. Bis Mitte der 90er Jahre spielte er in mehreren Bands, ehe er sämtliche Projekte beendete und sich fortan auf seine Solokarriere konzentrierte. Er fing an, seinen Gitarrensound zu verfremden und sich des Laptops zu bedienen.

Sein Debüt gab er 1997 mit dem Album "Hotel Paral.el". Immer wieder interessierte ihn jedoch die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Zu seinen Weggefährten zählen vor allem Sakamoto, mit dem Fennesz mehrere Alben einspielte, sowie Peter Rehberg und Jim O’Rourke, mit denen er das Trio Fenn O’Berg bildet. Überdies interpretierte David Sylvian ein Fennesz-Stück auf seinem Album "Blemish" und sang den Song "Transit" auf "Venice".

Auch um Geld zu verdienen, komponierte Fennesz Soundtracks, etwa für den Film "Blue Moon" von Andrea Maria Dusl mit Josef Hader in der Hauptrolle. Mittlerweile jedoch dürfte es sich der temporäre Wahlpariser aussuchen können, für wen er Musik komponiert. Zuletzt setzte er Edgar Honetschlägers Drama "AUN - The Beginning And End Of All Things", in dem ein Wissenschafter die Erde zerstört, in Töne. Aber alles kehrt ewig wieder. Oder doch nicht?

Fennesz gelingt mit "Bécs" zweifelsfrei mehr als eine Wiederholung. Das Album ist Poesie im Noise-Gewand. Davon zeugen gerade "The Liar" und das überraschend nach Post-Rock klingende "Liminality" mit Tony Buck am Schlagzeug, die mit Lärmschönheiten aufwarten, deren Textur es zu entschlüsseln gilt. War "Venice" noch Teilen der im Übergang befindlichen, immer wieder mit Untergängen zu kämpfenden europäischen Kultur gewidmet, die sich gerade bei drohenden Gefahren als widerständig erwies, so klingt "Bécs" nach einer Utopie, die vielleicht im Zentrum Europas zu suchen ist.

Am Schluss wird mit "Paroles" ein versöhnlicher Kontrapunkt gegenüber den düsteren Klängen angestimmt. Neuronales Musikkino für Fortgeschrittene, das Raum und Weite braucht - sonst wachsen keine Flügel.