Vielleicht braucht es eine gewisse Reife, um bestimmte Platten machen zu können. Lydia Lunch, versierte Musikveteranin der 1980er Jahre, schmeichelt mit ihrer neuen Kollaboration dem Ohr wie ein über Jahre gereifter Barriquewein der Zunge. Die gebürtige US-Amerikanerin, die seit 2004 in Barcelona wohnt, lebte ihren von Wut und Hass auf das Establishment gespeisten Kampf für die Frauenrechte und das weibliche Begehren stets in diversen künstlerischen Formen aus: Sie spielte in etlichen Filmen (u.a. von Richard Kern und Vivienne Dick) und veröffentlichte mehrere Bücher und Bühnenstücke.

Zudem suchte Lunch immer wieder Kollegen und Mitstreiter für ihre musikalischen Ideen. Nach ihrem frühen Bandprojekt Teenage Jesus And The Jerks (1976-1979) arbeitete sie u.a. mit Rowland S. Howard, Clint Ruin (J. G. Thirlwell), Thurston Moore und Kim Gordon zusammen. Zuletzt wiederum brachte sie mit Tim Dahl, Bob Bert und Weasel Walter ihre Best-of-Show "Retrovirus" auf die Bühne.

Bei ihrem letzten Soloalbum, "Smoke In The Shadows" (2004), gab Lunch eine fulminante Performance mit einer Mischung aus Jazz, Funk und Hip-Hop. Im Bandprojekt Big Sexy Noise mäandert sie durch düster treibenden Blues, was nicht zuletzt an ihren Mitspielern James Johnston, Terry Edwards und Ian White - allesamt Mitglieder der britischen Band Gallon Drunk - liegt.

Nun hat sie sich mit dem ehemaligen Jeffrey-Lee-Pierce-Weggefährten Cypress Grove zusammengetan. Das gemeinsam eingespielte Album "A Fistful Of Desert Blues" ist eine Hommage an eine fast vergessene Wüstenlandschaft im Süden Spaniens, die sich um die Stadt Almería herum befindet und Schauplatz diverser Italowestern war. Durch die Musik flimmern demgemäß Dürre und Einsamkeit, auch wenn die Topoi von Rache und Vergeltung bespielt werden.

Die Handvoll Wüstensongs bieten einen großartig verästelten Western, bei dem eine öde Natur sich die von den Helden und Antihelden aufgegebenen Städte zurückerobert und die Ruine zur Metapher für menschliches Schicksal wird.