So sein, wie sie will: Buniatishvili hat ein sehr persönliches Album veröffentlicht. - © Esther Haase/Sony
So sein, wie sie will: Buniatishvili hat ein sehr persönliches Album veröffentlicht. - © Esther Haase/Sony

Wien. Interviewtermine können etwas Weihevolles haben. Vor allem mit Weltstars. An der Tür wird man meist von einem PR-Mann empfangen, bekommt ein Warteplätzchen zugewiesen - und darf erst nach einem Weilchen ins Allerheiligste des Audienzraums.

Ganz anders im Fall von Khatia Buniatishvili: Die steht gleich wie ein neugieriger Gastgeber an der Tür, wenn der Journalist eintrifft, entschuldigt sich für die Terminverschiebung um eine Stunde (woran nur der Flieger schuld war), und dann geht’s in medias res. Ja, Buniatishvili, nach ihrer Wunderkindheit ein aufgehender Stern am Pianistenhimmel, ist erfreulich nahbar geblieben. Ein Gespräch mit der 27-Jährigen über Persönlichkeiten in einer glatten Welt, ihr neues, überraschend intimes Album und ihre Heimat Georgien.

"Wiener Zeitung":Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie ungern als Wunderkind gelten. Warum?

Khatia Buniatishvili:Weil ich nicht mag, was der Begriff einst bedeutet hat und es noch heute tut. Leistungen, die man durch Üben erreicht, sind für mich kein Wunder. Wenn jemand aber schon in jungen Jahren geistige Reife hat - das ist für mich ein Wunderkind. Ich war früher in einer Foundation für junge Talente - wir waren wie Zirkuskinder. Man wollte sogar, dass wir jünger wirken als wir waren. Mit so etwas stört man die Entwicklung der Persönlichkeit. Für mich war das absolut inakzeptabel, darum bin ich gegangen.

Sie wurden schon sehr früh von Ihrer Mutter am Klavier unterrichtet. Standen Sie als Kind unter Druck?

Von den Eltern her nicht. Ich war auch ziemlich stark, als ich in dieser Foundation war - und wurde böse, wenn jemand etwas von mir wollte, das ich nicht mochte.Wächst der Druck auf Pianisten heute durch das Internet - wenn ein vielleicht nicht so perfekter Auftritt auf Youtube auftaucht?

Am Anfang war das schrecklich für mich; heute schaue ich mir so etwas gar nicht mehr an. Allgemein denke ich: Das Publikum sollte sich etwas Lebendiges erwarten, wenn es ins Konzert geht. Sonst könnte man sich auch zuhause eine CD anhören. Natürlich versuche ich auf der Bühne immer, gut in Form zu sein. Aber ich akzeptiere auch meine Schwächen. Ich denke, wir müssen ein bisschen weg von dem, was heute in der Klassik, aber auch ganz allgemein passiert: Alles ist so perfektioniert - und neutralisiert. Es gibt zu wenige Persönlichkeiten. Das muss umgekehrt laufen. Ich habe ein Recht, so zu sein, wie ich will.