"Es gibt nur Musik von heute ", sagt Marino Formenti. - © Gyula Fodor
"Es gibt nur Musik von heute ", sagt Marino Formenti. - © Gyula Fodor

Pop? Klassik? Zeitgenössische Musik? Solche Unterscheidungen sind für Marino Formenti nicht existent: "Popmusik ist zeitgenössische Musik, ob wir wollen oder nicht, und klassische Musik ist für mich ebenso zeitgenössisch. Es gibt nur Musik von heute, weil wir uns heute damit auseinandersetzen." Der Pianist und Neue-Musik-Spezialist hat eine Mission: die Klassik von ihrer musealen Aura zu befreien und sie dorthin zurückzuholen, wo sie seiner Meinung nach hingehört: mitten ins Leben. Aus diesem Grund versucht Formenti in immer neuen Konstellationen eine unverkrampftere Begegnung mit "ernster" Musik zu ermöglichen, als sie im konventionellen Konzertbetrieb stattfindet. Im Rahmen von Wien Modern interpretierte er etwa eine Nacht lang Musik von Erik Satie und Morton Feldman, und beim kommenden Steirischen Herbst wird er sein Projekt "One to One" vorstellen, das die Anonymität der Konzertsituation durch den direkten Austausch mit einem einzelnen Zuhörer ersetzt.

Winterreise im Rap


Nun hat sich der Italiener mit Wohnsitz in Österreich einen "Klassiker" vorgenommen, der gerade in Wien allgegenwärtig ist und den, wie Formenti meint, doch keiner so richtig kennt: Im Rahmen des Films "Schubert und ich", der derzeit im Kino zu sehen ist, bringt er Menschen ohne musikalische Ausbildung dazu, mit ihm Lieder von Schubert einzustudieren. Jetzt will der Pianist die Suche nach der musikalischen Wahrhaftigkeit noch einen Schritt weiter treiben: Wie bereits bei dem Projekt "Nowhere", in dem er acht Tage und Nächte in einem öffentlich einsehbaren Raum aß, schlief und Klavier spielte, soll im Rahmen des Wellenklänge-Festivals in Lunz am See die paradoxe Situation einer öffentlich zugänglichen Privatheit entstehen. Die Wellenklänge, so Formenti, seien dafür "das perfekte Festival": In ihrer Mischung aus Ambition und Abgeschiedenheit böten sie ideale Rahmenbedingungen für eine Klausur. Zehn Tage lang wird der Pianist dort mit den bereits aus dem Film bekannten Protagonisten Julia Zdarsky, Ahmed Yousif und Vedran Nedelkovski - Formenti legt Wert darauf, dass seine Partner namentlich genannt werden, denn "schließlich sind sie nicht meine Marionetten" - die Arbeit an Schuberts Liedern vertiefen.

Um die Klausur herum hat Formenti eine Reihe von "Live-Acts" programmiert, "die keine Antwort geben, sondern in anderer Form der Frage nachgehen sollen, was von Schubert heute noch weiterlebt abseits dessen, was in den Brahmssälen dieser Welt zu hören ist." Diese Annäherungen vollziehen sich um mehrere Ecken: "Mein Ziel ist nicht, Schubert zu covern, sondern eine weniger banale Beziehung herzustellen." Folgerichtig sind abgesehen von dem Cellisten David Eggert auch keine klassischen Musiker eingeladen, sondern Repräsentanten anderer aktueller Musikkulturen: der lakonisch-melancholische "Nino aus Wien", die Protestsoncontest-Sieger vom "Fight Rap Camp" oder der Wiener Newcomer Ben Pascal, von dem sich Formenti besonders beeindruckt zeigt: "In einem einzigen seiner Raps kommen sechs oder sieben Themen aus Schuberts ,Winterreise‘ vor - das ist die Art von Verbindung, die mich interessiert."

Pimp my Schubert


Überhaupt seien seine Projekte häufig als Pamphlet zu verstehen: "Wenn eine Sache zu sehr in die eine Richtung ausschlägt, dann muss man erst einmal nach der anderen Seite hin übertreiben. Das ist wie bei der Frauenquote: Es wäre besser, man bräuchte sie nicht, aber eine Zeit lang muss man das einfach durchziehen."

Schubert, so Formenti, sei immer noch in seiner Biedermeier-Aura gefangen: "Da wollte ich mit dem, was ich mache, natürlich dagegenhalten. Es gibt gerade bei der romantischen Musik nichts Schlimmeres als Betulichkeit. Schubert ist nicht dazu da, uns in unserer Sonntagsbequemlichkeit zu bestätigen. Die Interpretation der klassischen Musik hat leider nie die dialektische Zerschlagung erlebt, die jede Kunst braucht, um wieder neu geboren zu werden. Das ist so, als würden wir Shakespeare immer noch in Strumpfhosen auf die Bühne bringen."