Castleton. Irgendwie glaubte man, er würde immer da sein. So mischt sich in die Nachrufe für den am 13. Juli verstorbenen US-amerikanischen Dirigenten und Komponisten Lorin Maazel das Staunen des Nicht-wahr-haben-Wollens. Diese Energie, diese physische Energie, diese geistige Wendigkeit (in einem Alter, in dem andere in Vergangenheit schwelgen, beginnt Maazel einen Internet-Blog), diese unverminderte Ausstrahlung schienen ihn gegen das Altern abzuschirmen.

Und doch gab es Anzeichen, dass auch ein Maazel nicht für immer der Zeit trotzen kann: Wer ihn etwa in München in den letzten Jahren erlebte, merkte, dass der Gang zum Pult, bis vor wenigen Jahren eher ein sportlicher Sprint (Maazel - das war immer auch wie Sport: Alle neun Beethoven-Symphonien an einem Tag etwa, in London), müder geworden war, dass die Zeichengebung, einst eine unnachahmliche Balance zwischen Eleganz und Imperatorengestik, sich auf das Notwendigste reduzierte. Einmal ließ sich Maazel gar einen Stuhl auf die Bühne bringen. Wiederholt sagte er, der als einer der Diszipliniertesten seiner Zunft gegolten hatte, ab. Und doch war alles ausgerichtet auf einen großen Abend zum 85. Geburtstag am 6. März 2015.

Rücktritt in München

Dann der Schock: Am 12. Juni melden Münchner Zeitungen, Maazel trete als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker zurück - aus gesundheitlichen Gründen. Spätestens jetzt ist klar, dass es ernst steht um Maazel. Denn das Dirigieren gehört zu seinem Leben nahezu wie das Atmen.

Der am 6. März 1930 in Neuilly-sur-Seine als Sohn der US-Amerikaner Lincoln und Marion Shulman Maazel geborene Lorin Varencove war ein musikalisches Wunderkind: Als Fünfjähriger spielte er Klavier und Violine, als Neunjähriger dirigierte er anlässlich der New Yorker Weltausstellung ein Orchester. Daraufhin leitete "Little Maazel" Orchester in Los Angeles, Cleveland, Philadelphia, San Francisco und Chicago.

Er studierte Mathematik, Philosophie und Sprachen - und richtete seine musikalische Karriere auf Europa aus. In Stichworten: 1960 erster amerikanischer Dirigent der Bayreuther Festspiele, 1964-1975 Chef des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin, 1965 bis 1971 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, 1964 Debüt an der Wiener Staatsoper (Wiederaufnahme von Beethovens "Fidelio"), 1972-1982 Chefdirigent des Cleveland Orchestra.

Und dann Direktor der Wiener Staatsoper. Angefeindet vom ersten Moment an. Seine künstlerischen Leistungen gehen im Buh-Gebrüll des Stehplatzes unter - schlimmer: Das vermeintlich sachverständige Wiener Publikum suhlt sich in antisemitischen Ressentiments, obwohl sich Maazel eher für den Buddhismus als für das Judentum interessierte, mit vegetarischer Ernährung liebäugelte. Doch in Wien heißt es, der Jude Maazel spiele keinen Wagner (tatsächlich setzte er die von seinem Vorgänger Egon Seefehlner begonnene "Ring"-Inszenierung Filippo Sanjusts ab, als diese zur künstlerischen Bankrotterklärung geriet), man diskutiert auf dem Stehplatz gar, ob der Jude Maazel das Haus gezielt zugrunde richte. Einmal werden Flugblätter geworfen mit dem Text "Musik statt Maazel".

Man hasst ihn, weil er Jude ist - und man hasst ihn, weil er das längst verstaubte Repertoiresystem der Wiener Staatsoper, das wie mit einer Gießkanne die gespielten Werke über die ganze Saison verteilte, umstrukturiert: Drei bis vier Werke werden auf ein bis zwei Wochen konzentriert, dann folgen drei bis vier andere. "Blocksystem" nennt Maazel das probengünstige Verfahren. Es bewährt sich, andere Häuser machen es nach - doch das Publikum wirft Maazel eine Reduktion des Spielplans vor, obwohl kaum weniger Stücke gezeigt werden als unter seinem Vorgänger.

Harte Schläge

Maazel ist kein Taktierer, er schmeichelt sich nicht bei den führenden Wiener Kritikern mit Audienzen und Abendessen ein. Nach kürzester Zeit feuert die Presse dementsprechend aus allen Rohren. Als Kulturminister Helmut Zilk dann auch noch in Abwesenheit Maazels offiziell Claus Helmut Drese zu dessen Nachfolger ernennt, hat Maazel das Gefühl des Verrats durch den für ihn zuständigen Minister und demissioniert 1984.

Einen Schlag wie an der Wiener Staatsoper musste Maazel dann 1989 ein zweites Mal erleben, als er wider sein Erwarten nicht zum Nachfolger Herbert von Karajans zum Chef der Berliner Philharmoniker gewählt wurde: Die Musiker entschieden sich für den Exponenten der Musikdemokratie Claudio Abbado. Der Pultimperator Maazel, den viele Musiker als generös und warmherzig, viele aber auch als eigensinnig und schwierig beschrieben, war nicht einmal in der engeren Wahl gewesen.

So übernahm Maazel das Orchester von Pittsburgh, dann das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die New Yorker Philharmoniker als Chefdirigent, wobei er Letztgenannte am 26. Februar 2008 zu einem Konzert in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang führte. Es war der erste Auftritt eines US-amerikanischen Orchesters in der kommunistischen Diktatur - und keineswegs unumstritten. Gerüchteweise verlautet nun auch, Maazel habe beim großen Finanzcrash viel Geld verloren, weshalb er wieder mehr dirigieren müsse, statt sich verstärkt der Kompositionstätigkeit zu widmen.