Unermüdlich auf der Insel der Seligen: der Dirigent Herbert Blomstedt. - © Martin U.K. Lengemann
Unermüdlich auf der Insel der Seligen: der Dirigent Herbert Blomstedt. - © Martin U.K. Lengemann

Salzburg. Zuerst einmal: Happy Birthday! Der Mann am anderen Ende der Leitung dankt höflich und spielt den Jubeltag ein wenig herunter: "Es ist ja unvermeidlich!", sagt Herbert Blomstedt scherzhaft. Kurze Pause, dann fügt er hinzu: "Gott sei Dank."

Blomstedt, ein Siebenter-Tags-Adventist wie schon sein Vater, hat tatsächlich allen Grund, dem Schöpfer zu danken. Nicht nur, dass der Schwede soeben 87 Kerzen ausblasen durfte. Sein Alter hindert den agilen, feingliedrigen Mann auch nicht daran, weiterhin Konzerte zu dirigieren. Diese Rüstigkeit sorgt für Rekorde: Im Vorjahr war Blomstedt der wahrscheinlich älteste Debütant, der je ans Podium der Wiener Philharmoniker trat. Nun findet diese so junge wie späte Beziehung ihre Fortsetzung: Am Samstag und Montag spielt er mit den Wienern bei den Salzburger Festspielen Bruckners Achte Symphonie.

Angesichts von Blomstedts Biografie könnte man auf die Idee verfallen, dass sich da ein Mann beharrlich von Norden nach Süden gearbeitet hat: Auf Spitzenjobs bei skandinavischen Orchestern folgte 1975 Leitung der Dresdner Staatskapelle, ab 1998 jene des Gewandhausorchesters Leipzig. Nicht zu vergessen freilich seine Zeit in den USA. Das Land, in dem er seine ersten zwei Lebensjahre verbracht hat, sah ihn von 1985 bis 1995 als Leiter der San Francisco Symphony. Diese Weltgewandtheit reizt natürlich zu Interviewfragen. Stimmt es, dass sich die Orchester heute immer ähnlicher anhören? "Leider ja", sagt Blomstedt; die Globalisierung bringe das mit sich. Einerseits hätten Ensembles heute mehr Gelegenheit, sich gegenseitig zu belauschen. Andererseits hänge die Angleichung mit der Vermarktung zusammen: Der Erwartungsdruck, ein gewisses Klangbild zu "liefern", sei gestiegen. Hat sich auch der Stress erhöht? Für Blomstedt nicht. "Ich habe nie Stress empfunden", sagt er. Musizieren nennt er eine "Insel der Seligen", wo auch keine Müdigkeit existiert. Seltsam für so einen Globetrotter: "Jetlag habe ich nie empfunden."

Das heißt freilich nicht, dass ihm auf dieser Insel auch alles gelänge. Jahrelang hat sich Blomstedt für das Werk von Carl Nielsen (1865-1931) eingesetzt; seine Einspielungen der sechs Symphonien gelten als Referenzaufnahme. Der erhoffte Ansturm auf dieses eigenwillige, eigenständige Opus ist jedoch ausgeblieben: "Das habe ich immer gehofft und gewollt, aber: Wenige meiner Kollegen spielen heute Nielsen." Ja, vielleicht würde da ein Jubiläumsjahr helfen. Oder jemand wie Leonard Bernstein, der maßgeblichen Anteil an der Gustav-Mahler-Renaissance hatte.

Und Furtwängler sagte "Äh!"


Apropos: Wie war Bernstein so? 1953 hat er Blomstedt im amerikanischen Festspielort Tanglewood unterrichtet. "Bernstein war eine große Persönlichkeit, dadurch hatte er Einfluss - aber nicht durch sein Dirigieren. Technisch konnte ich nichts von ihm lernen. Seine Emotionalität aber war echt, keine Show, wie das viele in Europa dachten." Hat er mit Lennie auch das eine oder andere Whiskeyglas geleert? "Ich hab nie einen Tropfen angerührt!", sagt Blomstedt, auch keine Zigarette. Liegt das an seiner Religion? "Nein, an meiner Vernunft." Bernstein habe sich "vernichtet" durch seine Süchte.

Auch einen anderen Dirigenten sieht Blomstedt nicht nur positiv: Wilhelm Furtwängler. Von dem war er schon als Schulbub hingerissen: "Er kam während des Kriegs und danach immer wieder nach Schweden". "Unvergessliche" Konzerte seien es gewesen, auch mit Musik von Jean Sibelius, der im deutschsprachigen Bereich heute vernachlässigt wird. Damals hat Blomstedt sich nicht nur ein Autogramm geholt, sondern auch Proben besucht: "Furtwängler war nett, aber launenhaft im Umfang mit dem Orchester." Und noch etwas: "Wenn er abklopfte, hat er immer nur ‚Äh! ‚Äh!‘ gesagt. Man musste erraten, was er wollte - obwohl er sich in seinen Schriften so gewählt ausgedrückt hat."