Wien. Nach dem überraschenden Rücktritt von Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor der Staatsoper geben sich die Wiener Philharmoniker salomonisch. Zwar sei man über den jähen Abgang "nicht glücklich", sagt Andreas Großbauer, der seit drei Monaten den Orchestervorstand innehat. Das Ensemble, dessen "zweite Heimat" die Staatsoper ist, würde aber beide Konfliktparteien schätzen. So sei Direktor Dominique Meyer nicht nur eine Auslastung von 99 Prozent zu verdanken, sondern "vor allem menschliche Wärme" an der Staatsoper. Welser-Möst wiederum, mit dem man im Sommer einen "wunderbaren ‚Rosenkavalier‘" erarbeitet hat, sei als Dirigent einer der "ganz Großen".

Er wird dem Orchester auch in der neuen (noch vom bisherigen Führungsteam Clemens Hellsberg und Dieter Flury geplanten) Spielzeit nicht abhandenkommen. Während Welser-Möst alle Staatsoperndirigate für die nächsten beiden Saisonen zurückgelegt hat (rund 60 Abende), wird er die Philharmoniker im Juni 2015 auf einer Skandinavien-Tour begleiten. Zudem eröffnet er den Ball der Philharmoniker - mit dem Johann-Strauß-Walzer "Ich bin dir gut".

"Sehr interessiert an zeitgenössischer Musik"


Neben solchen Pointen bietet die Saison aber auch einige Innovationen: Der Anteil an neuerer Musik (von Olivier Messiaen, Krzysztof Penderecki, Pierre Boulez, Claude Vivier) ist vergleichsweise hoch. "Die Philharmoniker sind sehr interessiert an zeitgenössischer Musik", kämpft Harald Krumpöck, Geschäftsführer im neuen Führungsteam, gegen das Image vom Romantik-Orchester. Man sei aber auch bemüht, neuere "Werke, die uns begeistern, im Repertoire zu behalten", wie Jörg Widmanns "Teufel Amor". Bei den nächsten Wiener Festwochen wird das Orchester ein Stück von Olga Neuwirth aus der Taufe heben, am Pult steht dabei Daniel Harding. Darüber hinaus wurden für die Saison Maestri wie Daniel Barenboim, Mariss Jansons, Nikolaus Harnoncourt und Simon Rattle gewonnen.

Dass sie hier das "beste Orchester der Welt" vorfänden, zählt zu Großbauers "tiefsten Überzeugungen". Dieser Rang soll abgesichert werden, indem der notorisch viel beschäftigte Klangkörper Bedacht auf genug Atempausen nimmt, aber auch ausreichend Proben.

Reichlich Flugkilometer werden dennoch anfallen: Nach dem Auftritt am Mittwoch im Theater an der Wien (siehe Kritik)bricht das Ensemble mit Dirigent Gustavo Dudamel zu einer ausgedehnten Fernost-Tour auf. Weitere Ausflüge führen das "Wiener Weltorchester", das Anfang Oktober den hochdotierten Birgit-Nilsson-Preis entgegennimmt, nach Luxemburg, Moskau und Bahrain. Dank eines neuen Agenturvertrags will man sich auch auf dem chinesischen Markt stärker positionieren.