Mediziner und Kontrabassist: Hecking. - © Open Brand Design
Mediziner und Kontrabassist: Hecking. - © Open Brand Design

Wien. "Wir sind vollkommen im Fieber, was die Veranstaltung betrifft", sagt Manfred Hecking. Der Satz entbehrt nicht einer gewissen Komik. Der 41-Jährige und seine Partner sind schließlich Ärzte, der angesprochene Termin dreht sich um Krankheiten - jedoch: Er tut dies in ungewohnter Manier. Umrahmt von Musik, nehmen die Doktoren in der Veranstaltungsreihe "Sounds and Science" die Pathologien großer Komponisten unter die Lupe und tauschen den OP dafür mit dem Mozartsaal des Konzerthauses. Dort findet am Samstag die Premiere statt: Eminenzen wie Josef Penninger und Christoph Zielinski halten (kurze) Vorträge, dazu geigen Könner wie Rainer Honeck auf, Konzertmeister der Wiener Philharmoniker. Der Reinerlös der insgesamt sieben Abende kommt der österreichischen Krebshilfe zugute. Ein Gespräch über Kunst, Krankheit und Bildungsbürgertum.

"Wiener Zeitung":Wenn Ärzte die Klassik-Genies durchleuchten, könnte man Angst vor verkürzten Schlüssen bekommen. Drohen da womöglich Behauptungen wie: "Weil Bach eine Warze am kleinen Zeh hatte, schrieb er ein Fis in Takt 40"?

Manfred Hecking: Überhaupt nicht. Wir stellen keine kausalen Zusammenhänge her. Wobei: Es gibt solche Bezüge in der Musikgeschichte schon. Bedrich Smetana zum Beispiel hat in dem Streichquartett "Aus meinem Leben" seinen Tinnitus zitiert; Gustav Mahler - das hat mir mein Kollege Marcus Säemann erzählt, der die Idee für die Veranstaltungsreihe hatte - baute das Geräusch seiner Herzklappen-Verengung in die Neunte ein. Aber in diese Richtung wollen wir nicht.

Auf dem Totenbett hätte Mozart nicht so früh landen müssen - jedenfalls nicht mit heutigen Ärzten. Mihaly Munkacsy malte sich 1885 aus, wie der sieche Tonsetzer wohl sein Requiem diktiert hat. - © Bettmann/Corbis
Auf dem Totenbett hätte Mozart nicht so früh landen müssen - jedenfalls nicht mit heutigen Ärzten. Mihaly Munkacsy malte sich 1885 aus, wie der sieche Tonsetzer wohl sein Requiem diktiert hat. - © Bettmann/Corbis

Sondern?

Wir gehen von dem Gedanken aus, dass sich Musik und ein danach gehörter Vortrag gegenseitig befruchten können - man nimmt in dieser Konstellation beides gesteigert wahr. Musik kann gewissermaßen den Geist öffnen. Neurologen sagen, sie sei in der Lage, neuronale Verknüpfungen zu verändern. Albert Einstein zum Beispiel hat Geige gespielt - übrigens viel besser, als Fotografien nahelegen. Es gibt die Vermutung, dass ihm dies auch intellektuell auf die Sprünge geholfen hat. Zwar bin ich kein Neurologe und nicht dazu berufen, über Details zu sprechen, aber: Die Sinnesempfindung der Musik verändert etwas. Um zu unserer Veranstaltung zurückzukommen: Wenn Sie aus der Tiefe eines Konzerterlebnisses einen Vortrag hören, erhalten Sie eine neue Erfahrung.