Einst galt das Streichquartett als musikalische Königsgattung - als jenes Genre, in dessen Rahmen Komponisten ihre ganze Meisterschaft unter Beweis zu stellen vermochten. Diesen Nimbus hat die Gattung mittlerweile eingebüßt. Dennoch gibt es nach wie vor Komponisten, deren schöpferische Leidenschaft sich wieder und wieder an der so intimen wie diffizilen Kammermusikform entzündet.

Dazu zählt Georg Friedrich Haas, dem das Arditti Quartet zu seinem eigenen 40. Geburtstag ein Geschenk machte: Alle Quartette des Komponisten, dem heuer bei Wien Modern ein Schwerpunkt gewidmet ist, präsentierte es an zwei Abenden dem Festivalpublikum - alle bis auf das achte, das erst im Oktober in Basel aus der Taufe gehoben wurde. Wegen zu kurzer Vorbereitungszeit hatte Irvine Arditti die Verantwortung für eine künstlerisch adäquate Umsetzung nicht übernehmen wollen.

Unverändert blieb am Montag das erste Konzertprogramm im Mozartsaal. Nach den satten Obertonharmonien von Haas‘ Orchesterwerken, von denen mehrere in den Vorwochen bei Wien Modern erklangen, stellt das erste Streichquartett von 1997 Ohr und Hirn der Zuhörenden vor größere Herausforderungen. Das Vergnügen, die knifflige Konstruktion der Haas’schen Klanggebilde unmittelbar sinnlich nachzuvollziehen, erlaubt diese Komposition nur bedingt. Erst nach gut 20 Minuten finden die dürren, flirrenden Klänge in höchsten Höhen in einem Obertonakkord zusammen.

Eine große Nachtmusik


Ähnlich im sechsten Quartett von 2010, wo anstelle recht statischer Klangzustände das beständige Gleiten zwischen instabilen Polen vorherrscht. Mehr traditionelle Klangschönheit bot dagegen das Quartett Nummer vier, das sich - ausgehend von einem Obertonakkord und mit Hilfe von Live-Elektronik - in die Tiefe einzelner Klänge hineinzubohren schien.

Welch starken Einfluss scheinbar musikfremde Umstände auf die Wahrnehmung von Musik ausüben können, offenbarte sich anschließend bei der Aufführung des dritten Streichquartetts unter dem Motto "late at night". Die Komposition mit dem Untertitel "In iij. Noct.", der einem darin zitierten Responsorium von Gesualdo entnommen ist, verlangt eine Ausführung in völliger Dunkelheit. Wie die Musiker, in den vier Ecken des Beriosaals postiert, lediglich über den Klang miteinander kommunizierten, sich melodische Stichworte zuwarfen und ihre Parts schließlich in dichten Harmonien verschmolzen, hielt das Publikum in Atem. Jubel für den Komponisten und das Arditti Quartet.