Neue Töne haben anfangs immer ihre Defizite, meint Georg Friedrich Haas. - © Nafez Rerhuf
Neue Töne haben anfangs immer ihre Defizite, meint Georg Friedrich Haas. - © Nafez Rerhuf

"Wiener Zeitung": Herr Haas, welche Melodie haben Sie eigentlich auf Ihrem Handy?

Georg Friedrich Haas:Ich glaube, es ist die voreingestellte. Ich kann mit den Dingern nicht umgehen. Aber auf meinem amerikanischen Handy habe ich etwas ausgesucht. Nur was? (Legt ein zweites Telefon auf den Kaffeehaustisch und ruft sich an. Lange Pause, dann - ein schlichtes Klingeln.)

Der Grund für die Frage: Viele Künstler sind genervt von der Dauermusikbeschallung durch Handys und Lautsprecher, manche rufen zum Kampf dagegen auf. Was denken Sie über die "akustische Umweltverschmutzung"?

Ich denke, es müsste ein Menschenrecht geben auf Freiheit davon. Wenn es in den Lokalen immer noch eine Jukebox gäbe anstatt der Dauerberieselung, müsste der Wirt dazu verpflichtet sein, auch eine spezielle Platte anzubieten, nämlich mit den 4 Minuten, 33 Sekunden von John Cage (in denen kein einziger Ton erklingt, Anm.).

Seit einem Jahr lehren Sie an der renommierten Columbia University. Ist es in New York noch schwieriger, Stille zu finden?

Praktisch unmöglich. Das Hauptproblem ist weniger die Musik als der generelle Lärmpegel. So leise wie hier in diesem gut gefüllten Café - ich sage das ohne Ironie - ist es nirgends. Ich habe in New York eine Wohnung in traumhafter Lage: 22. Stock mit Blick über den Hudson River. Das bezahle ich jedoch mit starkem Verkehrslärm. Ich kann ihn mittlerweile aber wegschalten, weil er konstant ist.

Arbeiten in den USA und Europa zwei verschiedene Arten Tonsetzer?

Da hat sich viel geändert. Eine kleine Geschichte: Ein Referat hat mir die Augen geöffnet über den Komponisten George Crumb. Er hatte viel über die europäische Avantgarde gelesen, konnte sie in den USA aber nicht hören. Die gedankliche Auseinandersetzung mit einer Musik, die er nur vom Hörensagen kannte, ließ seinen Personalstil entstehen. Umgekehrt ging es mir genauso im Europa der 80er Jahre mit der Klangwelt der amerikanischen Komponisten James Tenney und La Monte Young. Diese Art von kreativem Missverständnis ist heute undenkbar: Auf YouTube steht fast alle Musik auf Abruf bereit.

Segen oder Fluch?

Es ist einfach eine Veränderung. Die nächsten Generationen werden damit umgehen lernen. Weil es die Kommunikation stärkt, überwiegt aber wohl doch der Segen.

Stimmt es, dass die Komponisten in den USA eher zum Kommerz neigen als ihre europäischen Kollegen?

Absolut nicht. Es gibt allerdings einen Unterschied: In Europa ist der Zugang immer noch mehr oder minder ideologiebetont, jedenfalls in den deutschsprachigen Ländern. Man folgt hier den Dogmen von Theodor W. Adorno oder lehnt sie ab, nimmt jedenfalls Bezug auf sie. Ich habe den Eindruck, dass so etwas in den USA nie der Fall war. Es geht dort nicht um "Material" respektive Arbeitstechnik eines Komponisten - entscheidend ist allein die Wirkung. In diesem Sinn fühle ich mich als Künstler zwischen den Kontinenten, einerseits geprägt durch die österreichische Linie von Schubert über Schönberg bis Cerha, andererseits durch die Ideologiefreiheit der USA.

Haben die Dogmen im Europa der Nachkriegszeit nicht seltsame Blüten getrieben? Der französische Avantgardist Pierre Boulez schrieb einmal: Jeder Musiker, der die Notwendigkeit der Zwölfton-Sprache nicht empfinde, sei "inutile", also unnütz.

Wenn ich auf meine Studienzeit an der Grazer Musikhochschule Anfang der 70er Jahre zurückblicke, dann würde ich Boulez durchaus zustimmen. Wir dürfen nicht vergessen: Die Ablehnung des Neuen hatte auch ihre politischen Hintergründe. Die Forderung nach einer einfachen, leicht verständlichen Musik stammte von totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus; dieses Denken musste überwunden werden. Mittlerweile sind wir freilich in einer anderen Zeit. Ich würde sagen, wer heute seriell komponiert, der ist "inutile". Ich sage das nicht wegen dieser Kompositionstechnik an sich (einer Weiterentwicklung des Zwölftonsystems, Anm.). Ich denke, dass Boulez mit seinem Satz auf etwas Allgemeineres hinauswollte: Eine Komponistin oder ein Komponist, der sich nicht mit der historischen Situation kritisch auseinandersetzt, ist unnütz. In dieser Verallgemeinerung teile ich seine Ansicht zu 100 Prozent.

Also ist die "richtige" Technik eine Frage der Zeit?Es gibt jedenfalls kein Zurück zu vergangenen Positionen. Es gibt nur die Möglichkeit, Vergangenes zu verbessern. Wunderschönes Beispiel: Ich bin aufgewachsen in dem Konflikt der Avantgarde mit den konservativen Neo-Tonalen. Diese brachten zwei Kritikpunkte gegen die serielle Musik vor, und sie waren durchaus ernst zu nehmen. Einerseits ging es um den Mangel an Ausdruck. Außerdem sei die gewohnte Tonalität darum besser, weil sie den physikalischen Gegebenheiten des Klangs mehr entspricht. Und dann begegnete ich 1980 in Darmstadt Gérard Grisey und Wolfgang Rihm. Sie haben bewiesen, dass das, was zu Recht als Defizit empfunden wurde, sich sehr wohl in die neue Musik integrieren lässt. Griseys Musik (stark an Obertönen orientiert, Anm.) hat mit den physikalischen Grundlagen des Klangs wesentlich mehr zu tun als so manche papierene "neue Tonalität". Und Rihms Musik ist viel ausdrucksstärker als so manches, was mit althergebrachten Hörgewohnheiten kokettiert. Der Punkt ist: Musikgeschichte verläuft immer so, dass man nach Neuem sucht und dabei etwas findet, das anfangs zwangsläufig seine Defizite hat. Diese werden dann aber beseitigt, ohne zurückzugehen. Die frühe Monodie war sicher auch nicht so kunstvoll wie die Musik Palestrinas. Spätestens Bach hat diese Defizite aber eingelöst. Heute lernen Studierende sogenannte Avantgardetechniken, wie sie zum Beispiel Generalbass lernen. Es ist ein Handwerk, mit dem man umgehen kann. Wobei: Es gibt heute auch etwas, was damals undenkbar gewesen wäre: der avantgardistische Opportunist.