Wenn Deutschlands beliebtester Tenor auf Tournee geht, bleibt kein Auge trocken. Ebenso geschehen im Wiener Konzerthaus. Eine Tausendschaft leuchtend junggebliebener Mädchenaugen durfte unter gesitteter Aufsicht ihrer ehelichen Anstandsdamen, Pardon, Herren, dem aktuell offenbar schönsten Sänger der Klassikwelt zuschmachten. Was Jonas Kaufmann bot, war allerdings wirklich unerhört schön: Robert Schumann und Richard Strauss, zwei der musikalischen Stimmmeister, erschienen bei ihm in emotioneller Innigkeit.

Zuerst Schumanns so persönliche zwölf "Kerner-Lieder" von 1840 - ein Zyklus aus Gesängen nach Justinus Kerner, der hier mit fröhlich-waghalsigem Schauspiel begann ("Stirb, Lieb’ und Freud’" inklusive gewöhnungsbedürftigen, aber dramaturgisch passenden Falsetts). Wobei der Sänger doch das eine oder andere Lied brauchte, um sich in die gefühlsintensive, immer kontemplativer werdende Welt des urromantischen Naturells einzufinden: Titel wie "Stille Liebe", "Stille Tränen" oder "Alte Laute" kommen nicht von ungefähr. Beeindruckend war jedenfalls die Wortdeutlichkeit bei all den leisen Tönen.

Ja, Kaufmann frönte auch diesmal seiner besonderen Fähigkeit - er ist und bleibt der Meister des tragenden Pianissimo. Aus dem Nichts ließ er exakt intonierte Töne entstehen (etwa in Strauss’ "Nacht" op. 10/3) und hielt sie ewig im Raum. Klavierbegleiter Helmut Deutsch fand nicht nur die für ihn typische souveräne Linie, sein Beitrag ging in dem persönlichen Zusammenspiel organisch auf.

Weitere Hits aus den "Letzten Blättern" op. 10, von der "Geduld" (als dynamische Achterbahn) bis hin zu "Allerseelen", und mancherlei Perlen wie der "Freundlichen Vision" und dem zugegebenen "Morgen!" machten die Euphorie im Saal perfekt.