"Wiener Zeitung": Die Philharmoniker haben heuer zwei äußerst hoch dotierte Ehrungen erhalten: den Birgit-Nilsson- und den Karajan-Musikpreis. Böse Zungen könnten fragen: Versinken die Philharmoniker jetzt endgültig im Geld?

Andreas Großbauer: Wir sind sehr glücklich, dass wir diese Preise abholen durften, aber auch darüber, wie wir sie verwenden - nämlich für das Gemeinwohl.

Das Karajan-Preisgeld (50.000 Euro) ist ohnedies für die Nachwuchsarbeit zweckgebunden.

Harald Krumpöck: Richtig. Wir haben uns dazu unsere Gedanken gemacht. Einerseits sehen wir zwar kein Problem, was den Orchesternachwuchs betrifft: Wir können bei Probespielen aus dem Vollen schöpfen. Was uns aber Sorgen bereitet, ist die Basis. Wir beobachten, dass der Staat seine Bildungsaufgabe immer weniger wahrnimmt. Das aktive Musizieren kommt zu kurz. Wir haben uns deshalb ein großes Projekt ausgedacht und möchten damit 2015 starten.

Das Nilsson-Preisgeld - 750.000 Euro - wollen Sie für die Öffnung Ihres Archivs verwenden. Gibt es dafür schon konkrete Pläne?

Großbauer: Wir leiden am bisherigen Standort, also im Haus der Musik, unter Raummangel. Das Archiv ist nicht so zugänglich, wie wir das gern hätten. Wir sondieren gerade, was der Markt hergibt.

Wollen Sie mit der Archivöffnung ein Zeichen setzen? In der Vergangenheit wurde das Orchester teils heftig für seinen Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit getadelt.

Großbauer: Wenn man eine Million Dollar - wir hätten das Geld auch unter den Musikern aufteilen können - in diese Richtung investiert, ist das ein Statement. Wir bekennen uns zur Öffnung und Aufarbeitung. Wobei es interessant ist, dass immer wieder versucht wird, das Orchester ins Nazi-Eck zu rücken. Langsam ist es aber doch angekommen, dass die Philharmoniker sehr viel in Richtung Transparenz taten und tun.

Dem Orchester wurde aber ziemlich lange eine Blockadepolitik attestiert. Im Vorjahr kam es dann zu einer klaren Geste: Die Philharmoniker haben kritische Historiker mit Texten für die eigene Homepage beauftragt; jüngst führten einige Orchestermusiker das Werk eines vertriebenen Kollegen auf. So schön diese Gesten sind - ist das auch eine Buße für das bisherige Verhalten?

Großbauer: Ich empfinde das nicht als Buße. Wir tragen unsere Geschichte mit, so wie sie ist. Vielleicht sind die Dinge früher nicht schnell genug angegangen worden, aber überall passieren Fehler.

Zurück zur Gegenwart. Als Sie im Herbst zum Vorstand avancierten, sprachen Sie über einen dramatischen technologischen Veränderungsprozess und dass Sie darauf "noch keine endgültige Antwort" hätten. Worum geht es genau?

Großbauer: Wir sind derzeit mitten in Gesprächen mit der Plattenindustrie und verschiedenen Partnern. Der CD-Verkauf wird immer weniger, man muss sich langsam fragen: Wie bringe ich die Musik zu den Menschen?

Kompensieren Sie das nicht mit einer Ausweitung der Konzerttätigkeit?

Krumpöck: Wir sind diesbezüglich am Limit und werden das nicht weiter steigern.

Großbauer: Man muss dieses Thema global betrachten. Dass die CD-Verkäufe zurückgehen, bedeutet einen Verdienstentgang. Die Musiker, und ich spreche da nicht nur von den Philharmonikern, müssen schauen, dass sie nicht unter die Räder kommen. Wohin geht die Reise? Derzeit eindeutig in Richtung Streaming, also ins Internet, und da ist der Markt noch überhaupt nicht stabil. Bei iTunes und anderen Modellen bleibt für Musiker fast nichts übrig. Heute gibt’s überall Fairtrade-Siegel und Biolebensmittel. Aber bei der Musik vergisst man auf so etwas.

Die US-Sängerin Taylor Swift boykottiert deshalb den Streamingdienst Spotify. Könnten Sie sich das auch vorstellen? Angesichts Ihrer Bestseller - Stichwort Neujahrskonzert - würde das nicht unbemerkt bleiben.

Großbauer: Wie gesagt, wir sind derzeit mitten in Gesprächen.

Apropos Neujahrskonzert. Eigentlich wollten Sie am 1. Jänner ja auch "Valse triste" spielen, weil sich Jean Sibelius’ Geburtstag zum 150. Mal jährt. Jetzt bringen Sie das Stück aber doch nicht wegen "unannehmbarer Forderungen des Verlages". Was ist das konkrete Problem?

Krumpöck: Es geht hier nicht um Urheberrecht oder das Ausleihen von Noten, sondern um das Recht, dem Ton ein Bild hinzuzufügen, wie das auf einer DVD geschieht. Wir akzeptieren nicht, dass diesbezüglich Forderungen gestellt werden, die bei weitem alle anderen übersteigen. Zwar kann man sagen, dass es sich in diesem Fall nur um ein kurzes Musikstück handelte und darum an sich gegangen wäre. Aber wenn man das hochrechnet, kämen Summen heraus, die jede DVD-Produktion unmöglich machen würden. Das ist eine Prinzipienfrage.

Um noch ein schwieriges Thema anzusprechen: Die Frauenquote liegt immer noch ziemlich niedrig im Orchester. Die Philharmoniker rechtfertigen das gern mit geringer Fluktuation. Manche glauben aber, Sie wollen einfach keine Musikerinnen.

Großbauer: Nur ein Beispiel: Unser langjähriger Konzertmeister Rainer Küchl ist mehr als 40 Jahre am ersten Pult gesessen und geht vermutlich Ende der Saison in Pension. Mehr als 40 Jahre konnte also niemand anderer auf diesem Platz sitzen. Natürlich wissen wir, dass auf den Universitäten heute extrem viele gute Musikerinnen sind. Angesichts dessen können Sie sich ungefähr vorstellen, wie die Situation in 10, 20 Jahren ausschauen wird. Dann werden die Wiener Philharmoniker möglicherweise ein Frauenorchester werden. Das ist nicht ausgeschlossen. Ich weiß: Manche sind ungeduldig. An erster Stelle steht aber die Qualität, und die hat auch mit dem langen Arbeitsverhältnis zu tun.