In der japanischen Sprache bedeutet "kiku" Hören wie auch Fragen. Diese auf die Akustik und Oralität zielenden Assoziationen sind aber nur ein zaghaftes Herantasten an die Musik des Projekts KiKu aus der Schweiz, dessen Zuordnung zu einer Avantgarde unzureichend bliebe. Denn die Arbeiten von KiKu sind eine Herausforderung, stellen sie doch explizit und implizit Fragen mit und an die Musik. Auf dem dritten Album werden die Hörräume nun textlich mit Hilfe des Französischen, Deutschen, Englischen und Italienischen durchmessen, wobei zeitgenössische mit alter Dichtung verbunden wird.

Seit elf Jahren betreiben Trompeter Yannick Barman und Percussionist Cyril Regamey ihr experimentelles Projekt, dem sich später auch Gitarrist David Doyon hinzugesellte. Waren die beiden Vorgängerwerke noch instrumental, so haben sich KiKu mit Blixa Bargeld, dem Vorstand der Einstürzenden Neubauten aus Berlin, und dem Rapper Black Cracker nun prominente gesangliche Unterstützung geholt.

"Marcher sur la tête", nicht nur das Motto des Albums, sondern auch der Eröffnungssong, bedeutet etwas Unsinniges tun oder auch "kopflos sein". Wer nun freie Improvisationen erwartet, würde aber enttäuscht werden. Der Titel ist nämlich auch die wörtliche Übersetzung eines Wunsches in Georg Büchners "Lenz", dessen Spaziergang dem Lied zugrundeliegt: "Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte."

Das zweite Stück, "Belehrung", fußt auf einem gleichnamigen Gedicht von Hermann Hesse: "Mehr oder Weniger, mein lieber Knabe, sind schließlich alle Menschenworte Schwindel", erst "mit blanken Knochen klappern wir die Wahrheit".

Büchner & Monteverdi


Als Bestätigung der zeitlichen Dehnung und Duldung menschlichen Lebens wie auch als ironische Gegenthese nimmt das Schlussstück "Es ist zu langweilig" die Thematik um Lüge und Wahrheit wieder auf. Der Referenztext stammt erneut von Büchner: "Denn die Meisten beten aus Langeweile; die Andern verlieben sich aus Langeweile, die Dritten sind tugendhaft, die Vierten lasterhaft und ich gar nichts, gar nichts, ich mag mich nicht einmal umbringen: es ist zu langweilig".

Als stilles Zentrum des Albums fungiert die Arie um unerwiderte Liebe "Si dolce è’l tormento" von Claudio Monteverdi, von Blixa Bargeld in Spoken-Word-Manier, die an Paolo Conte erinnert, vorgetragen. "Si dolce è’l tormento, Ch’in seno mi sta, Ch’io vivo contento, Per cruda beltà": "So süß ist die Qual, die sich in meinem Herzen befindet, dass ich fröhlich lebe, wegen ihrer grausamen Schönheit."

Die Zerrissenheit des Lebens findet denn auch in der collagenhaften Textzeichnung mancher Lieder ihren Widerhall, etwa wenn Büchner in "Nuages" mit Zeilen von Pascal Berney konfrontiert wird oder Black Cracker im finalen Stück die Zeilen Büchners um seine eigenen Verse ergänzt.

Mit "Tête 2" hat Black Cracker auch einen Soloauftritt. Der aus Alabama stammende Rapper, den es über die New Yorker Szene nach Neukölln verschlug, erinnert an Tricky - weniger zornig, aber ähnlich düster. Dabei zeigt er sich von einer äußerst flexiblen Seite, von getrieben ("Ocean") bis melancholisch ("Jaillir"). Die Dichtung Crackers spricht vom Verlangen und vom Ausgesetztsein.

Es überwiegen Sonnenmetaphoriken, die von Staub durchsetzt sind, als ginge es darum, Untotes lebendig werden zu lassen. Passend zur Wiedergängerthematik interpretiert Bargeld im Anschluss noch den 80er-Jahre-Hit "Everybody’s Got To Learn Sometime" von The Korgis.

Für gewöhnlich zerfasert ein solch ambitioniertes buntes Kaleidoskop, wie KiKu es auf diesem Album zusammenfügen. Nicht so in diesem Fall. Über Jazz, Metal, Trip-Hop und Chanson werden die Texte in einen dichten Soundteppich verwoben, dessen Reiz nie nachlässt. Durch das nachdenkliche Trompetenspiel Barmans, die mal zärtliche, mal nervöse Gitarre Doyons und die wohlgesetzten wie auch fordernden Percussions Regameys wahren die Schweizer bei aller Komplexität einen Spannungsreichtum, der nachhaltig fasziniert.

Kiku feat. Blixa Bargeld & Black Cracker: Marcher sur la tête. (Everest Records)