Dumpf und drohend, gleich einem übermächtigen Schatten aus dem Totenreich, legt sich das Agamemnon-Motiv gleich zu Beginn über das Werk. Darauf folgt ein Akt, ein einziger nur, Spieldauer gerade einmal eindreiviertel Stunden, der alle bisherige Wohlanständigkeit der Oper, all ihre Kulinarik und Festlichkeit, alle Freude an Stimmartistik und szenischem Schaugepränge, zertrümmert. Nie wieder hat Hugo von Hofmannsthal etwas geschrieben, das archaische Wucht in den Expressionismus vorantreibt, nie wieder hat Richard Strauss etwas komponiert, das so weit in die Bezirke der Bi- und Atonalität vorstößt und der Neuen Musik den Weg weist.

"Cassandra" als "Elektras" Mutter


Dennoch muss man Vorsicht walten lassen, wenn man "Elektra" als etwas noch nie Dagewesenes rühmen will. Strauss hatte ein Modell. Dieses Vorbild ist, und das praktisch vom ersten Takt an, die 1905 von Arturo Toscanini uraufgeführte "Cassandra" des Italieners Vittorio Gnecchi. Es gilt als sicher, dass Strauss dessen Partitur genau studiert hatte, als er sich im Jahr darauf an die Arbeit an "Elektra" machte. Strauss kannte Hofmannsthals Drama seit dem Jahr 1903. Es scheint, Gnecchis Werk habe ihm den Weg gewiesen, wie er dem "Elektra"-Drama beikommen könnte. Zum Beispiel damit, das Werk mit einer düsteren Klangsäule zu eröffnen: Die Anfänge von "Cassandra" und "Elektra" sind nahezu notengleich. Aber Strauss entlehnt auch Methoden des Szenenaufbaus und die Verwandlung kleinteilige Motive entlang innerer Vorgänge, womit die Musik noch mehr als bei Richard Wagner zum Psychogramm der Gestalten auf der Bühne wird, gleichsam in die Funktion eines eigenständigen Handlungskommentars tritt.

Im Artikel "Telepatia Musicale"enthüllte der italienische Musikwissenschafter Giovanni Tebaldini kurz nach der "Elektra"-Uraufführung 1909 die Parallelen, die unmöglich Zufall sein konnten. Tebaldini zieh Strauss des Plagiats. Die Folgen waren verheerend - für Gnecchi. Der allmächtige Strauss, längst aufgestiegen zum Großkomponisten des Wilhelminismus, brauchte gar nicht selbst die Intrigen in Gang zu setzen. Sein einflussreicher Kreis aus hochrangigen Musikern und Magnaten besorgte das für ihn. Das Werk des Italieners wurde gezielt unterdrückt und landete in der Schublade.

Wenn man es aus dieser hervorholt und genau betrachtet, muss freilich auch der Wohlwollendste zugeben: "Cassandra" ist ein Achtung gebietendes Vorläuferwerk, das ein solches Schicksal nicht verdient hat - doch zu "Elektra" verhält es sich wie ein Gasherd zu einem Vulkan.

Dass die hochmoderne "Elektra", deren nächster Verwandter Alban Bergs "Wozzeck" ist, heute nicht mehr als etwas Außerordentliches wahrgenommen, sondern als Repertoire gespielt und vom Opernpublikum ebenso als Kulinarium begriffen wird wie Strauss’ "Rosenkavalier"-Kitsch, bei dessen Genüssen man sich förmlich die Ohren leckt, ist da fast etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit.

Richard Strauss: "Elektra"
Mit Nina Stemme (Elektra), Anna Larsson (Klytämnestra), Falk Struckmann (Orest) u.a. Chor und Orchester der Staatsoper; Dirigent: Mikko Franck.
Radio Ö1 überträgt live aus der Staatsoper am Samstag, 4. April um 20 Uhr.