(irr) Viele Abende sind es wohl nicht, an denen ein personalintensives Haus wie die Staatsoper Kasse machen kann. Die lange Nacht der Seitenblicke, sprich: der Opernball, dürfte dazugehören. Und wohl auch jene Serie von Semi-Schließtagen, die Dominique Meyer eingeführt hat: Abende, an denen ein Weltstar das große Haus mit Kammermusik beschallt - wobei sich da künstlerisch ein gewisses Diskussionspotenzial andeutet.

Das verschwindet jedoch schlagartig, wenn Elina Garanča an der Rampe erscheint. Die 38-jährige Lettin, grandios schon in ihrer Zeit als Wiener Ensemblemitglied, steht heute auf dem Zenit ihrer Kunst - einer Kunst, in der sich die Überwältigungskraft der Opernheldin mit der Feinnervigkeit einer Kammermusikerin mengt. Auch im Liedfach entstößt sich Garančas Prachtmezzo mitunter Dezibelspitzen, die einen Kammermusiksaal in Trümmer legen würden. Am Mittwoch etwa zu hören in Brahms’ "Alter Liebe" - diesem steinerweichenden Lied über einen Verlassenen, den sein Sehnsuchtsgespenst verfolgt. Mag es auch nicht in den Noten stehen: Am Kulminationspunkt dieser Trauerfantasie - "ein Auge sieht mich an" - blitzt dieser Blick als schmerzensgrelles Fortissimo auf.

Steigert Garanča ihre Inbrunst in einigen Rachmaninow-Liedern ("Oh bleibe, meine Liebe") zu orchestraler Wucht, war es doch vor allem ihr Brahms, der durch Schattierungen in Farbe und Diktion bestach. Wie sinnstiftend unterschiedlich hier allein das Wort "wundersüß" wiederkehrte, war ein Wunder - und natürlich, wie Pianist Malcolm Martineau die Illusion erzeugte, seine Begleitfiguren wären ein organischer Klangfluss und nicht durch die Töne von 88 Tasten zusammengestückelt.

Konzert

Elina Garanča (Mezzo)

Wiener Staatsoper