"Meine Frau hat einen einzigen riesigen Vorzug: Sie folgt mir in allen Dingen blind, ist sehr entgegenkommend und ist mit allem zufrieden und wünscht sich gar nichts, außer ihr Glück darin zu finden, mich zu unterstützen und mir Trost zu spenden. Ich kann nicht behaupten, dass ich sie liebe, aber ich merke schon, dass ich sie dann lieben werde, wenn wir uns aneinander gewöhnt haben werden."

Diese Sätze stammen nicht etwa aus einem der drei Libretti nach Aleksander Puschkin, die Tschaikowsky in der Zeit zwischen 1877 und 1890 vertonte. Sie stehen in einem Brief, den der Komponist zwei Tage nach seiner Hochzeit an seinen um zehn Jahre jüngeren Bruder Modest geschrieben hat. Die Beschreibung gewährt sowohl einer wissenschaftlich als auch einer sensationsjournalistisch orientierten Nachwelt einen Einblick in Tschaikowskys Ehe mit der Musikstudentin Antonina Miljukova - eine Ehe "ohne Liebe", die von Beginn an diese Bezeichnung nicht verdiente.

Das schon bald nach der Hochzeit am 6. Juli 1877 erfolgte Ehe-Desaster führte zur obligaten Schuldfrage rasch nach Tschaikowskys Tod, sowohl vonseiten der Wissenschaft als auch des Sensationsjournalismus’, welche auf das bequeme Bild einer verständnislosen Inspirationstöterin rekurrieren, die in ihrer allzu flachen Geistigkeit das ihr weit überlegene Genie des Ehepartners nicht in angemessener Weise zu würdigen verstehe (ein Bild, in das etwa auch Konstanze Mozart sich schon recht bald einzufügen hatte). Eine eingehendere Betrachtung von Antoninas eigenen Aufzeichnungen in jüngerer Zeit führte zu einer Relativierung dieses Klischees.

Literatur und Erotik


Denn die Gründe für das Scheitern dieser eigenartigen Verbindung liegen tiefer: Der am 25. April 1840 in der russischen Hammerwerk-Stadt Wotkinsk geborene Piotr Iljitsch kommt mit zehn Jahren nach Petersburg, wo er die Vorbereitungsklasse der dortigen Rechtsschule besucht. An dieser Institution, der er von 1852 bis 1859 angehört, findet er bald in dem Kommilitonen Aleksej Apuchtin einen Geistesverwandten, der durch hohe literarische Begabung auffällt. Tschaikowsky teilt die Liebe zur zeitgenössischen Literatur, die zu diesem Zeitpunkt eine neue Qualitätsstufe erreicht hatte.

Mit Iwan Gontscharows Erstling "Eine alltägliche Geschichte" hatte die von der Obrigkeit heftig bekämpfte literarische Bewegung des "Russischen Realismus" 1847 eine frühe Manifestation erhalten; und in jenen Jahren, in denen sich die Freundschaft Tschaikowskys mit Apuchtin entwickelt, erheben Iwan Turgenjews "Aufzeichnungen eines Jägers" eine deutliche Anklage gegen die russische Leibeigenschaft, welche erst 1861 durch ein Manifest Zar Alexanders II. enden sollte.

Dem Sonderling Apuchtin eignet neben seiner Begeisterung für die innovativ-revolutionäre Literatur seiner Zeit allerdings auch ein gewisses Maß an Frauenfeindlichkeit, welche indirekt dem pubertierenden Piotr Iljitsch die eigene sexuelle Veranlagung zum ersten Mal vor Augen führt - hier den heute als politisch korrekt geltenden Begriff der "sexuellen Orientierung" zu verwenden, erweist sich durch einen späteren Brief Tschaikowskys Bruder Anatol, genannt Tolja, vom 9. Jänner 1876 als äußerst fragwürdig: "Und auch das ist richtig, dass die verdammte Homosexualität zwischen mir und der Mehrheit der Menschen einen unüberwindlichen Abgrund bildet. Sie stattet meinen Charakter mit Entfremdung, Menschenangst, Scheu, immenser Schüchternheit, Misstrauen - kurz gesagt: tausend Eigenschaften aus, die mich zunehmend menschenscheuer machen."

Tschaikowsky wird 1875, zwei Jahrzehnte nach seiner Rechtsschul-Zeit, ein Gedicht Apuchtins vertonen, in dem das Gegenüber des lyrischen Ich eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung erfährt: "Nein! Niemals liebte ich! Und doch sah ich ihn kommen, wurd’ es im Herzen mir so leicht und, ach, so schwer! Es ist den Wangen dann ein plötzlich Rot gekommen - Er liebte mich so sehr, er liebte mich so sehr!" Die Komposition findet ihren Platz innerhalb der Sechs Romanzen op. 28

Den Zustand seiner ersten Ehe schildert der schwer depressive Komponist nach drei Monaten in einem Brief vom 11. Oktober 1877: "Ich verbrachte noch zwei Wochen bei meiner Frau in Moskau. Diese Zeit war eine Aufeinanderfolge unerträglichster moralischer Qual. Ich stürzte in Verzweiflung, ich suchte den Tod." Adressatin dieses Briefes ist Nadeschda von Meck, die wohlhabende Witwe eines baltendeutschen Eisenbahn-Tycoons, deren Funktion als Mäzenin und Muse musikhistorisch wohl einzigartig ist. Wie dem intensiven Briefwechsel zu entnehmen ist, besteht die Einzigartigkeit dieser schriftlich gelebten Beziehung im Wunsch beider, einander niemals persönlich zu begegnen. Zweimal sehen sie einander aus näherer Entfernung aber doch - sie lächelt, er zieht den Hut.

Arbeiten wie Atmen


In solchem Spannungsfeld zwischen zu verdrängender Homosexualität und dem extravaganten Verhältnis zu auserwählten Frauen entsteht ein kompositorisches Werk, das mit jenen biographischen Konstellationen in engerem Zusammenhang steht, als es in anderen Künstlerbiographien den Anschein hat. So greift auch folgender Satz, den er Nadeschda 1878 schreibt, weit über einen Gemeinplatz hinaus: "Ich brauche die Arbeit wie die Luft zum Atmen". Diese umfasst seinen innersten Lebensraum, wie er in einem Interview für die Zeitschrift "Peterburgskaja Žizn" im November 1892 darlegt: "Die musikalischen Ideen strömen mir zu, sobald ich mit meiner Arbeit anfange und mich von Überlegungen und Sorgen, die nicht unmittelbar damit verbunden sind, befreit habe." Nadeschda zählt nicht zu diesen Sorgen. Nur ihr wird er ein speziell für sie verfasstes inneres Programm "unserer Symphonie", der Vierten, darlegen.