Doch auch außerhalb dieser Verbindung kommt es zu Interaktionen zwischen Lebensumständen und Werk: Als er sich im Sommer 1866 auf die erwachende Zuneigung einer Frau einstellt und vergeblich darauf hofft, dass Vera Davydova, die Schwester seines Schwagers Lev, Gefühle in ihm zu wecken vermag, stellt er sich auch in kompositorischer Hinsicht seiner bisher größten Herausforderung, der Ersten Symphonie.

Entstehung eines Stils


Wenngleich sich in diesem Werk noch nicht die melodische Kraft der späteren Symphonien, Ballette, Opern oder Kammermusikwerke entfaltet - musikalische Versatzstücke, deren Ähnlichkeit zu den späteren Meisterwerken ins Ohr springt, finden sich bereits hier. So kann das Material des Hauptthemas des ersten Satzes im Seitenthema des ersten Satzes seiner Sechsten Symphonie, der Pathétique, in vollendeter Ausprägung wiedererkannt werden.

Ebenso scheint das kurz ertönende Hornensemble auf den Beginn des Blumenwalzers aus dem "Nussknacker"-Ballett zu verweisen. Außerdem setzt der Komponist bereits in dieser Zeit bewusst auf die melodische Kraft des russischen Volksliedes, das im Lauf der Jahre zu einem der wesentlichen Bestandteile seiner persönlichen Sprache avanciert.

Die musikalische Begabung ist Piotr zwar in die Wiege gelegt; sie kann sich aber erst in den Jahren früher Sozialisation in der Petersburger Rechtsschule entwickeln, während der er "nebenbei" Unterricht in Klavier und Gesang nimmt. In diesem Rahmen komponiert er kleinere Lieder, deren erstes, "Mezza notte", noch ganz im Stil jener Bellinischen oder Verdischen Klavier-Romanzen gehalten ist, mit denen ihn sein Gesangslehrer Luigi Piccoli vertraut macht. In der folgenden Beamten-Zeit im Petersburger Justizministerium schreibt sich Piotr in die Musiktheorie-Klasse des neu gegründeten Konservatoriums ein: In letzter Konsequenz behält die Musik die Oberhand: Er kündigt seine Beamtenstelle, um sich ganz der Komposition zu widmen.

Nach anfänglichen Unstimmigkeiten empfiehlt der Leiter des Petersburger Konservatoriums, Anton Rubinstein, Tschaikowsky an seinen Bruder Nikolai, der soeben in Moskau die dortige Dependance der "Kaiserlich Russischen Musikgesellschaft" gegründet hatte. Dort wird der junge Komponist Dozent. Auf dieser Existenzgrundlage, sowie im Dunstkreis des 1865 gegründeten "Moskauer Literaturzirkels" kann er nunmehr an der Entwicklung seiner persönlichen musikalischen Sprache arbeiten.

In den kommenden Jahren wächst Tschaikowskys Ruf als einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, innerhalb wie außerhalb Russlands. 1875 hebt der gefragte Pianist und Dirigent Hans von Bülow, der einige Jahre zuvor seine Frau Cosima an Richard Wagner abtreten musste, das berühmte Erste Klavierkonzert in b-Moll aus der Taufe. 1877 wird "Schwanensee" am Bolschoi-Theater uraufgeführt, "Eugen Onegin" vier Jahre später. Während einer Konzertreise durch Deutschland trifft Tschaikowsky mit Johannes Brahms und Edvard Grieg zusammen.

Zweifel und Lamenti


Die Kehrseite dieser Erfolge stellt Tschaikowskys Glaube an das prädestinierte Fatum, das vorherbestimmte Schicksal dar, das er zum Teil in christlichem, zum Teil aber auch in einem blinden, fast existenzialistischen Sinn begreift. Innerhalb der Skizzen zu seiner Fünften Symphonie etwa finden sich zu den beiden Teilen des ersten Satzes, sowie zum zweiten die bezeichnenden fragmentarischen Anmerkungen: "Introduktion. Totale Unterwerfung vor dem Schicksal, oder, was auf dasselbe herauskommt, den unerforschlichen Plänen der Vorsehung. I. Murren, Zweifel, Lamenti, Anklagen gegen +++. II. Soll ich mich in die Umarmungen des Schicksals werfen?" Tatsächlich ist man versucht, das Walten des Schicksals in den "pesante" - gewichtig - zu spielenden Streicherschlägen zu vernehmen, die das trauermarsch-artige Klarinettenthema der Einleitung begleiten und noch im "Allegro con anima" des ersten Satzes anklingen.

Der junge Dirigent Arthur Nikisch, für Tschaikowsky ein "bewunderungswürdiger Meister in seinem Fach", bringt diese Symphonie zu einer glanzvollen Wiederaufführung, nachdem die eigentliche Premiere unter Tschaikowskys Dirigat ein eklatanter Misserfolg gewesen war.

Trotzdem kann der berühmte Komponist, der erst im Alter von 47 Jahren zum Dirigentenstab greift, auch dabei bedeutende Erfolge verzeichnen, ist er es doch, der am 5. Mai 1891 das erste Konzert im neuen, von Andrew Carnegie finanzierten New Yorker Konzertsaal dirigiert und damit das Haus seiner bis heute wahrgenommenen Bestimmung überantwortet.

Tschaikowskys Tod am 25. Oktober 1893 - durch Trinken von Cholera-verseuchtem Wasser herbeigeführt - ist zwar unspektakulär, hat aber Anregung zu zahlreichen Spekulationen gegeben, die von persönlichen Äußerungen Tschaikowskys zehren. An Aleksander Glasunow schrieb er bereits 1890: "Ich befinde mich auf dem Wege zum Grabe".

Markus Vorzellner lebt als Pianist (Schwerpunkt Kammermusik und Liedbegleitung), Musikpublizist und Pädagoge in Wien.