(irr) Romantik, das bedeutete früher einmal: große Einsamkeit, namenloses Sehnen, heilige Kunst. Romantik, das bedeutet heute: Pärchenhotel, Candlelight-Dinner und sonst noch allerlei, was die Verliebtheitshormone anreizt.

David Garrett ist ein Sendbote der Romantik im doppelten Sinn: Mit seiner stattlichen Figur, dem langen Goldhaar und der Fels-in-der-Brandung-Ausstrahlung ist der Deutsche ein souveräner Frauenherzbeschleuniger. Dank seiner Geigenkünste, die ihm den Segen und Fluch einer Wunderkindheit bescherten, darf der heute 34-Jährige aber auch als Fürsprecher einer musikalischen Ära namens Romantik gelten. Und darin bleibt Garrett Meister, wie er nun im Wiener Konzerthaus unterstrich - mag er sein volles Beau-Potenzial auch längst lustvoll in einer Crossover-Karriere ausschöpfen.

Gut, ein kleines Hoppala kann auch Showgrößen passieren. So ist die Stimmung im (auffallend weiblich gefüllten) Saal zwar schon zu Beginn des Brahms-Violinkonzerts blendend; auf der Bühne liegen der Star und die achtbar begleitenden Symphoniker (Dirigent: Lahav Shani) aber rund einen Viertelton auseinander. Ein Mangel, der sich jedoch unauffällig beheben lässt: Im (erfrischend konventionswidrigen) Beifall nach dem Kopfsatz kann der Geiger nachfeilen. Und dann trumpft er befreit auf. Mögen Puristen in Garretts Spiel auch Popviren orten: Es ist nicht zuletzt sein leicht jazziges Timing, das die Melodien beredt singen lässt und ihnen am Weg zu Inbrunstgipfeln Farbe gibt - wobei sich Garretts Lust an saftigen Schleifern hier in Grenzen hält, selbst im zünftigen Finale. Jubel auch für Kreislers zugegebene "Caprice viennois" - und das "Vorprogramm" in Form einer drallen Tschaikowski-Fünften.