Die Reaktionen auf die Aufführung von Bruckners achten Symphonie im Sommer 2014 waren enorm: "Da standen die Türen zum Paradies plötzlich sperrangelweit offen", die Aufführung habe "Unglaubliches möglich gemacht", sie war ein "Augenblick, für den es sich zu sterben lohnt" und die Intensität des Konzerts, so heißt es, "grenzt an ein Wunder". Der "Konzertsaal", in dem dieses erinnerungswürdige Konzert stattgefunden hat, war das Stift St. Florian, gespielt hat das OÖ Jugendsinfonieorchester. Doch wer ist der Mann, der dabei ist, zu einem der bedeutendsten Bruckner-Dirigenten zu werden?

Um es einmal leicht klischeebeladen zu formulieren: Er ist vor allem Franzose. Nicht nur, dass da innerhalb eines Abends beachtliche Mengen an Wein fließen, aber da ist auch die grundsätzliche Offenheit für gutes Essen, die Liebe zu Balzac, ein bisschen Stolz und der alles einnehmende Blick für Qualität - auch in Bereichen, die über die ureigene Disziplin hinausgehen. Ein suchender Blick, der Neues hervorzubringen und zu entdecken imstande ist. Das Neue, das sind in seinem Fall die Bruckner’schen Symphonien. Denn eines ist klar: Wer meint, Bruckner nicht zu mögen, hat ihn noch nicht unter Rémy Ballot gehört. Franzose also im positivsten aller Sinne.

Als Rémy Ballot mit Geige und Taktstock im Gepäck nach Wien kam, wusste er noch nicht, dass er den Durchbruch vor allem als Dirigent schaffen sollte. Inzwischen, zehn Jahre später, hat sich sein Name in Bruckner-Fachkreisen längst herumgesprochen. Denn bei den Konzerten des 37-Jährigen, so sagt man, entstehe etwas Mystisches. Etwas, das über den reinen Genuss von Orchestermusik hinausgeht, das man mit Worten kaum fassen könne. Reihenweise würden die Menschen bei seinen Konzerten in Tränen ausbrechen vor überwältigter Rührung und sogar der ein oder andere Schwächeanfall im Publikum soll bereits dokumentiert sein. Wie so etwas möglich ist? Durch harte Arbeit und viel Geduld. Jahrelange Vorbereitung und intime Kenntnis des Werks stehen vor seinen Auftritten.

Seit 2011 dirigiert Ballot jährlich eine Bruckner Symphonie bei den Brucknertagen in St. Florian, mit einem Programm aus Wagner, Beethoven und Tschaikowski war er außerdem kürzlich auf Tournee in Spanien. Als CD sind bereits die Aufnahmen des Konzerts der dritten (in der Urfassung) und der achten Brucknerschen Symphonie bei Gramola erschienen und haben am internationalen Musikmarkt eingeschlagen wie eine Bombe. Das führende französische Musikmagazin Diapason lobte die dritte Symphonie hymnisch und Ballot selbst als "Dirigenten, den man unbedingt kennen muss", das amerikanische Magazin Stereophile kürte die Aufnahme der Achten gar zur CD des Monats Mai 2015 - auch ein Zeichen für die audiophile Qualität der Aufnahme. Selbstverständlich, meint Ballot beschwichtigend, seien die Konzerte im Stift St. Florian vor allem wegen der Örtlichkeit auch ganz etwas Besonderes. Neben dem Wissen um die Tatsache, dass Bruckner selbst vor Ort gewirkt hat und in der Krypta direkt darunter begraben liegt, ermöglicht vor allem auch die Architektur eine ganz andere Akustik, und damit auch andere Tempi als ein herkömmlicher Konzertsaal. Das, so Ballot, sei einer der wichtigsten Ratschläge, die sein Lehrer Sergiu Celibidache ihm mitgegeben hat: Die Architektur als Musik gestaltendes Element miteinzubeziehen. Ändern sich die Räumlichkeiten, muss sich auch die Spielart der Musik ändern. Denn man empfindet das Tempo unabhängig von der Metronomzahl oder der realen Spieldauer. Je größer der Saal, desto langsamer das Tempo, aber auch: je komplexer ein Werk, desto langsamer das Tempo, ohne dass dieses als langatmig wahrgenommen wird.

Das Erbe Celibidaches

Das Erbe Celibidaches lebt so in ihm fort, doch mehr und mehr bringt Ballot auch seine eigene Sichtweise mit ein. Hatte Celibidache sich noch geweigert, Aufnahmen seiner Konzerte zu autorisieren, weil er fürchtete, die Wirkung der Räumlichkeit dadurch zu verlieren, setzt Ballot genau darauf und arbeitet gemeinsam mit den Toningenieuren im Studio daran, möglichst viel der "Magie" des Konzerts einzufangen.

Daneben studiert Ballot auch die Person Bruckner, versucht sich seine Lebenswelt zu eröffnen indem er ihm nachforscht, Stunden über Stunden über den Partituren grübelt, im Versuch, den richtigen Zugang zu finden, oder indem er auch einfach nur im selben Zimmer schläft, wie Bruckner es einst tat. Denn dabei verstehe man die Dinge anders, verstehe sie besser, meint Ballot. Bei den Proben für den Auftritt im Stift St. Florian letztes Jahr, als er im Nebenzimmer des einstigen Brucknerzimmers vom Nachmittagsschläfchen erwachte, hörte er die volksmusikalischen Klänge einer Landhochzeit zu ihm durchs offene Fenster wehen, stellte sich die Menschen beim Singen und Tanzen vor und wusste: Genau das hat auch Bruckner gekannt. Hier und das sind die Wurzeln jenes Komponisten, den er bewundert. In diesen Momenten, so der Franzose, sei er dankbar dafür, dass sich in Österreich so wenig bewege, dass sich die Dinge nur so langsam verändern, denn dadurch blieben ihm gewisse Elemente lang vergangener Menschen zugänglich und verständlich. Auch die Tatsache, dass das Orchester, in diesem Fall das Oberösterreichische Jugendorchester, aus Leuten besteht, die mit Blas- und Kirchenmusik aufgewachsen sind und seit jeher im selben kulturellen Umfeld verwurzelt sind wie der Komponist, sei ihm für seine Vorhaben hilfreich, denn es ermögliche eine instinktive Herangehensweise an die Musik Bruckners. So hat Ballot ein außergewöhnlich hohes Niveau mit diesem Jugendorchesters erzielt, bei dem man niemals vermuten würde, dass das Durchschnittsalter 17 Jahre beträgt. Das Ergebnis ist tatsächlich erstaunlich. Durch das langsame Tempo (die Achte dauert knapp 104 Minuten) entsteht eine tiefe Bedeutungsschwere von purer Schönheit. Man kann die Dramatik spüren, die hinter diesem Werk steht, fühlt, wie Bruckner das Irdische und das Göttliche miteinander in Dialog treten lässt. Die Verzweiflung über die Abweisung der Frauenwelt, die Bruckner Zeit seines Lebens zuteil wurde, seine unfreiwillige Enthaltsamkeit und Zuwendung zum Glauben, all das käme in der Achten zum Ausdruck, so Ballot, in dessen Gesicht man im selben Moment eben diese Verzweiflung ablesen kann. Was man in den Augen dieses Dirigenten erst für Stolz halten mag, stellt sich letztendlich vor allem als Dringlichkeit heraus. Als Streben nach Intensität, die Qualität hervorzubringen vermag. Qualität, die man auf seinen Aufnahmen hören und bei den Konzerten im besten Fall auch fühlen kann. Wer sich nicht bis zum Sommer gedulden will, wo Ballot diesmal Bruckners Neunte dirigieren wird, kann sich schon am 10. Mai im Radiokulturhaus davon überzeugen.

Anton Bruckner: Achte Sinfonie

OÖ Jugendsinfonieorchester, Dirigent: Rémy Ballot

Radiokulturhaus, 10. Mai, 17 Uhr