"Sie gehen heute Abend sozusagen in die Vierte und Fünfte Beethoven - glauben Sie." Nach alter Gewohnheit wandte sich Nikolaus Harnoncourt vor Konzertbeginn auch diesmal ans Publikum: "Sie kennen die Stücke - glauben Sie." Tatsächlich gebe es in der großen Musik, so der Doyen der historischen Aufführungspraxis, nur Uraufführungen. Man ist geneigt, auf diesen Anspruch mit Skepsis zu reagieren: Hat sich das Versprechen, alles immer ganz neu und anders zu machen, nach einem halben Jahrhundert Concentus Musicus nicht abgenützt?

Mut zum Risiko

Nein, hat es nicht. Das zeigte sich in der Vierten, die in der Interpretation des Originalklang-Ensembles alles andere als harmlos klang: faszinierend, wie die Musiker durch entwaffnend ungeschütztes Spiel Altbekanntes experimentell klingen ließen. Die Erwartung war groß vor der Fünften Symphonie, die Harnoncourt erstmals mit dem Concentus präsentierte und vorab als Musik gewordene Revolution charakterisierte. Doch offenbarte sie die Grenzen eines Dirigats, das mehr auf Expressivität und langjähriger Zusammenarbeit als auf Technik beruht: Das mottohafte Kopfmotiv verlangt nach einer rhythmischen Präzision, die Harnoncourt nicht bieten konnte. Dass er nach dem strahlenden C-Dur-Schluss des Finales mit Standing Ovations bedacht wurde, ist trotzdem verständlich - bestechen der 85-Jährige und sein Team doch nach wie vor durch Mut zum Risiko und authentische Spielfreude. Andererseits wirkt solch ein Heroenkult gerade angesichts von Harnoncourts autoritätskritischem Anspruch ambivalent.