"In tempus praesens" nannte Sofia Gubaidulina ihr zweites Violinkonzert, das Gidon Kremer am Mittwoch im Musikverein zu Gehör brachte. Das 2007 uraufgeführte Werk sollte indes besser "In tempus praeteritum" heißen: Die düster-expressive Musiksprache kündet mit vertrauten Mitteln von unbekannter Drangsal, ohne das Ohr mit tonalitätsfernen Dissonanzen zu erschrecken. Und der Absicht der Komponistin, mit den heroischen Implikationen der Konzertform zu brechen, widerspricht nicht nur der triumphale Durchbruch samt Apotheose am Ende der Komposition. Vor allem zerfällt diese in Episoden, die ohne hörbare Notwendigkeit aneinandergereiht erscheinen. Nichts daran ändern konnte das engagierte Spiel des Solisten, der mit Igor Lobodas "Requiem for Ukraine" eine atmosphärisch stimmige Zugabe mit versteckter politischer Botschaft folgen ließ.

Ein kurzer Weg führte von
dieser ersten Konzerthälfte ei-
nes zweiteiligen Gastspiels der Staatskapelle Dresden ins Kernrepertoire des Traditionsorchesters: Bruckners "Neunte" profitierte hörbar von der Vertrautheit des Orchesters und seines Chefs Christian Thielemann mit dem Werk. Diese manifestierte sich in der organischen Dynamik der Streicher ebenso wie im kontrollierten Bläserklang, der schon in der Einleitung zum Kopfsatz im vollendeten Diminuendo am Ende des Hörnermotivs hörbar wurde. Auch wenn der kalorienreiche Ohrenschmaus, den Oberkellner Thielemann servierte, die rhythmische Präzision etwas ins Hintertreffen geraten ließ, wurde das Festmahl mit Bravo-Rufen goutiert.