Warum Christian Gerhaher zur Weltspitze der Kunstlied-Sänger zählt, liegt auf der Hand: Der 46-Jährige gebietet mit seinem Bariton über eine Möglichkeitsfülle, die vom gepanzerten Brustregister bis zum süßen, dosiert gaumigen Spitzenton reicht, und er vermag noch dem weichsten Legato-Bogen prägnante Konsonanten einzuschreiben. Vor allem aber ist Gerhaher keiner, der körperliche Spitzenleistung mit reduzierter Hirntätigkeit kontrastierte: Wie der Deutsche mit dem abgeschlossenen Medizinstudium einen jeden Notenmillimeter singt, das hat er skrupulös durchdacht.

Verweigerter Fluss

Mit dieser Akzentfreude geht freilich ein Problem einher, und das wird im aktuellen Programm evident: ein Überformen, Verkünsteln der Musik. Gewiss, mit ihren Stimmungsbrüchen sind die Lieder Gustav Mahlers per se tönender Mutwille. Ein gewisser Fluss ist diesen naturberauschten Stücken aber doch zu wünschen, und gerade den verweigern Gerhaher und sein Pianist Gerold Huber anfangs oft bei ihrem Auftritt im Salzburger Haus für Mozart: Schroffe Temporückungen und Kunstpausen befördern die "Lieder eines fahrenden Gesellen" auf manieristische Abwege.

Nachdem das "Lindenbaum"-Idyll in voller Pracht erblüht ist, bessert sich dies aber maßgeblich: In den "Wunderhorn"- und "Kindertotenliedern" gehen Deutungs- und Einfühlungswille eine meist so kraftvolle Allianz ein, dass der Hörer mit Haut und Haar in Mahlers Minidramen stürzt. Balsamische Spitzentöne ("Urlicht") reißen ihm zuletzt den Applaus aus den Händen.