Verfechterin einer Utopie: Alfia Milazzo, rechts hinten inmitten ihrer Kinderschar. - © Marinella Milazzo
Verfechterin einer Utopie: Alfia Milazzo, rechts hinten inmitten ihrer Kinderschar. - © Marinella Milazzo

Catania. "El Sistema" ist nicht nur in Venezuela daheim: Das Netzwerk an Jugendorchestern, das Kindern aus armem Haus eine Perspektive bieten soll, hat einen Ableger in Sizilien gefunden. Dort gründete Alfia Milazzo das Orchester Falcone-Borsellino, benannt nach zwei ermordeten Richtern, die gegen die Mafia gekämpft hatten. Ein Gespräch über die organisierte Kriminalität, den "Verfall" in Catania und die Wirkungsmacht der Musik.

"Wiener Zeitung":Die Region Sizilien taucht derzeit vor allem aufgrund der Flüchtlinge im Mittelmeer in den Schlagzeilen auf . . .

Alfia Milazzo: Ich bin davon überzeugt, dass die Mafia hinter dem Menschenhandel im Mittelmeer steckt. Es reicht nicht aus, Menschen in Seenot zu retten, sondern es geht um Arbeit in der gesamten Region. Ich bin sehr wütend, weil unser Land jetzt nicht als ein Ort der Schönheit und der Kunst gesehen wird, sondern als einer des Todes. Es ist ein Krieg, der hier stattfindet.

Wie ist das Leben in Catania?

Wie in ganz Italien besteht eine große Kluft zwischen einer Klasse sehr reicher Leute und Menschen, die mit ihren Finanzmitteln nicht einmal bis zum Monatsende auskommen. Das trifft vor allem Kinder. In Catania werden die Verschmutzung und die Anzeichen des Verfalls immer sichtbarer. Zugleich ist die Zahl der Kinder, die nicht in die Schule gehen, gestiegen. Das alles hängt mit einem moralischen Verfall zusammen.

Ein moralischer Verfall?

Ich denke, dass der Grund dafür ein Verfall der Kultur insgesamt ist. Ich spreche dabei von den Mikro-Verbrechen der Kinder, der Minderjährigen.

Ist die Schule denn nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen?

Die italienische Schule belohnt die besten Schüler. Aber sie ist nicht imstande, jene Kinder zu unterstützen, die keine Familie hinter sich haben und die keine Hilfe von außen bekommen. Diese Kinder stehen vor dem Nichts.

Wie treten Sie diesem Problem entgegen?

Wir glauben, dass die Kultur diesem moralischen Verfall entgegenwirken kann. Ich spreche von Kultur, nicht von Unterricht, denn Unterricht ist etwas anderes. Wir wollen in den Kindern den Sinn für die Wahrheit schärfen, wir wollen, dass sie lernen, eine eigene Meinung und eine eigene Denkweise zu entwickeln.