Wien. "Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut - wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden! Da wird wohl vieles bleiben." Nikolaus Harnoncourt hat am Wochenende seinen Rückzug bekanntgegeben. Er tat das mit einem handgeschriebenen Brief, den er als Faksimile dem Programmheft eines Konzerts des von ihm gegründeten und geleiteten Concentus Musicus beilegen ließ. Seine körperlichen Kräfte, so der Dirigent, "gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne".

Die Art und Weise, wie Nikolaus Harnoncourt diesen Rücktritt vollzog und auch kommunizierte, ist bezeichnend für den großen Musiker. Persönlich, emotional, glasklar und sehr konsequent. Denn unerbittliche Leidenschaft und ebenso unbeirrbare Konsequenz zeichneten alle künstlerischen Aktivitäten Harnoncourts aus. Ein Mann des Kompromisses war er wohl nie. Auch nicht in seinem Abschied. Mit vollem Einsatz für die Sache oder gar nicht mehr. Dazwischen gab es bei Harnoncourt nie einen Graubereich.

Hingabe und Unbeirrbarkeit

Mit genau dieser Hingabe und Unbeirrbarkeit hat er nicht nur bereits zu Lebzeiten Musikgeschichte geschrieben und die Hörgewohnheiten von mehreren Generationen verändert. Nikolaus Harnoncourt hat Musik für viele Hörer zu dem gemacht, was sie ihm immer war und bis heute ist: eine höchst dringliche Herzensangelegenheit. Diese Herzensangelegenheit voranzutreiben und immer wieder neu zu befeuern, dieses stete Unterfangen wurde zudem von einer schier unermüdlichen Kraft vorangetrieben: der schier unendlichen und stets feurigen Neugier des Nikolaus Harnoncourt. Und auf seine neugierigen musikalischen Abenteuerfahrten nahm der Cellist und Dirigent sein Publikum immer wieder mit. Es folgte ihm dankbar - mitunter geduldig - auch in die noch so verborgenen Winkel so mancher Partitur. Ob ein vergessen geglaubtes Werk oder eine neue Sicht auf Altbekanntes: Zu entdecken gab es mit Nikolaus Harnoncourt immer etwas.

Erneuerer und Pionier

Geboren wurde er als Johann Nicolaus de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt am 6. Dezember 1929 in Berlin in luxemburgisch-lothringischen Hochadel. Aufgewachsen ist der spätere Musikerneuerer, ein Ururenkel Erzherzog Johanns, in Graz, wohin seine Familie 1931 zurückgekehrt war. Von 1945 an erhielt er Cello-Unterricht. 1949 gründete er gemeinsam mit Eduard Melkus, Alfred Altenburger und Alice Hoffelner das Wiener Gamben-Quartett und wandte sich in der Folge der Erforschung von Spielweise und Klang alter Instrumente zu. Drei Jahre später wurde er Cellist der Wiener Symphoniker. Diesen Beruf übte er bis 1969 aus.

1953 wurde zu einem prägenden Jahr für den aufstrebenden Klassikpionier. Zum einen heiratete er seine Partnerin Alice Hoffelner. Und im Herbst desselben Jahres erfolgte die Gründung des Concentus Musicus Wien, mit dem eine neue Ära der Musikinterpretation eingeleitet wurde. Neben Konzerten und Plattenaufnahmen mit seinem eigenen Ensemble begann Harnoncourt 1972 auch zu dirigieren. Die Oper in Zürich, die Wiener Philharmonikern und die Salzburger Festspiele - Harnoncourt gastierte bei sämtlichen namhaften Orchestern und Festivals weltweit.

Mit Nikolaus Harnoncourt zieht sich eine unverwechselbare Stimme aus der immer kommerzieller werdenden Welt der Klassik zurück. Es wird vieles bleiben, da hat er recht. Aber Nikolaus Harnoncourt wird fehlen.