Rückblickend betrachtet: Welcher Mensch war für Ihren künstlerischen Werdegang ganz besonders wichtig?

Elisabeth Höngen. (1906-1997, Mezzospran an der Wiener Staatsoper, Anm.) Sie hat in meinem künstlerischen Leben eine sehr große Rolle gespielt. In meiner allerersten Aida hatte sie die Amneris gesungen. In der Folge traten wir in vielen Opern gemeinsam auf. Sie ist eine unbeschreiblich große Künstlerin gewesen, eine echte Singschauspielerin und Verwandlungskünstlerin.

Sie sangen im Laufe Ihrer Karriere in rund 700 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper und gastierten an den großen Opernhäusern der Welt. In welcher Stadt haben Sie besonders gerne gesungen?

Ich habe natürlich sehr gerne an der Wiener Staatsoper gesungen, das war mein Mutterhaus und ich fühlte mich hier vollkommen aufgehoben. Aber hinsichtlich meiner Gastspiele wurde ich in Russland am besten aufgenommen.

Sie waren auch die zweite Künstlerin aus dem Westen, die in die Sowjetunion eingeladen wurde.

Ja, die erste war Wilma Lipp. Russland war für mich ein tiefgehendes Erlebnis. Die Russen waren so hungrig nach guter Musik, nach guten Auftritten, und man wurde wirklich auf Händen getragen.

Falls sich dies überhaupt auf ein bestimmtes Erlebnis eingrenzen lässt: Wann hatten Sie als Sängerin den größten Glücksmoment?

Den größten Glücksmoment hatte ich bei der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper, als ich die Neunte Symphonie von Beethoven gesungen habe.

Wenn man Ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, dass Sie mit derselben Liebe gesungen haben, mit der Sie heute unterrichten.

Das ist absolut richtig. Alles, was ich mache, mache ich mit meinem ganzen Selbst. Wenn ich unterrichte, unterrichte ich mit meinem ganzen Selbst, wenn ich singe, singe ich mit meinem ganzen Selbst. Demzufolge habe ich bei all dem, was ich tue, dasselbe Gefühl in mir, in meinem Körper, in meiner Seele und in meinem Geist.

Eine ausführlichere Fassung dieses Interviews ist in dem Buch "Was ich liebe, gibt mir Kraft. Bühnenstars aus Oper und Theater erzählen"nachzulesen. (Das Foto auf der linken Seite zeigt Hilde Zadek bei der Präsentation dieses Buches). Der vor kurzem bei Styria premium erschienene Band versammelt Gespräche, die Christine Dobretsberger mit Senta Berger, Renate Holm, Christa Ludwig, Erni Mangold, Elisabeth Orth, Christine Ostermayer, Elfriede Ott, Erika Pluhar, Hilde Zadek und Bibiana Zeller geführt hat.