Wien. Die Mühlen des Kulturbetriebes mahlen stetig, aber gemächlich. Konzerte brauchen lange Vorlaufzeiten. Eigene Vorstellungen zu realisieren, braucht da Zeit. Den Ertrag sieht man erst Jahre später. Die Saison 2015/16 war für Matthias Naske so ein Resultat, die Ernte der ersten Jahre als Chef des Wiener Konzerthauses - mit Rekordumsatz und steigenden Besucherzahlen. Mit dem Programm für die kommende Saison, das Naske am Freitag präsentierte, setzt er den eingeschlagenen Weg fort: Vielfalt statt Einfalt, Vermittlung statt Konfrontation, Öffnung statt Elfenbeinturm.

"Wiener Zeitung": 2016/17 gibt es auch im Konzerthaus zahlreiche Uraufführungen. Woran liegt es, dass die erste oft auch die letzte Aufführung eines Werkes ist?

Matthias Naske: Ich glaube gar nicht, dass das so sein muss. Institutionell gedacht gibt es eine stetige Sehnsucht nach dem Neuen, auch eine große Tradition im Konzerthaus, die wir so beherzt wie möglich zu pflegen suchen. Die Wiederaufführungen gibt es, sie tauchen nur in keiner Statistik auf. Gute neue Werke halten sich im Spielplan. Doch es braucht Zeit, bis sie sich etabliert haben.

Wäre in Wien eine Situation denkbar wie in Köln, als der Cembalist Mahan Esfahani von der Bühne gebuht wurde, als er ein Werk des 20. Jahrhunderts spielte? Fehlt es Neuer Musik an Publikum?

Esfahani spielt nächstes Jahr auch bei uns! Was in Köln geschehen ist, ist ein klassischer Kontext-Fehler. Menschen haben eine Erwartung an ein Konzert. Und die wird dann radikal gebrochen. Das ist nicht günstig für die Offenheit des Hörens. Ich würde Menschen, die sich da brüskiert gefühlt haben, nicht zu viel vorwerfen, sondern mich als Veranstalter selber an der Nase nehmen und fragen, wie ich das Publikum richtig stimmen kann, um seine Rezeptionshaltung zu unterstützen. Das ist eine Frage der Fantasie und der Formate. Wir versuchen tunlichst zu vermeiden, falsche Erwartungen zu evozieren. Das Publikum empfindet es als Etikettenschwindel. Der alte Traum des Veranstalters, des offenen, allzeit bereiten Publikums, das überfordert uns. Das sind wir selbst auch nicht. Wir nehmen immer kontextbezogen war.

Sie experimentieren mit Konzert-Formaten, wie dem "Matthäus-Passion"-Projekt im März, bei dem es einen Publikums-Chor gab. Bricht die klassische Konzertsituation nach und nach auf?