Unheimliches geschieht in Prag: Alin Deleanu verkörpert sowohl Verfolger als Verfolgten.
Unheimliches geschieht in Prag: Alin Deleanu verkörpert sowohl Verfolger als Verfolgten.

Es ist ein rätselhafter Opernabend. Und er ist ein Glücksfall unter den aktuellen Opern-Novitäten. Zu verdanken ist der dem für seine experimentellen Ambitionen bekannten Linzer Komponisten Bernhard Lang (59). Und dem flämischen Videokünstler Peter Missotten (53). Dabei ist das Verdienst des Grazer Kompositionsprofessors diesmal nicht ein weiterer Erkundungsschritt ins computer-infiltrierte Klangneuland. Eher ein Ausfallschritt zur Seite, vielleicht sogar zurück. Viel mehr Bauch und Gefühl als elaborierte Tüftelei.

Es beginnt verhalten. Ein ausgehaltener Ton zum Auftakt, ein Zirpen, in das harte Schläge einbrechen. Rhythmische Wiederholungen, die zu Explosionen führen, immer wieder Ausbrüche, abrupte Wechsel. Was Graben, Chor und Protagonisten produzieren, gibt sich alsbald als ein Personalstil zu erkennen, der durch die zelebrierten Wiederholungsschleifen bestimmter Sequenzen oder Worte zwar das Artifizielle ausstellt, aber mit seinem Anschmiegen an den Rhythmus der Sprache zugleich eine Sinnlichkeit entfaltet, die sich immer wieder in die Opulenz des vollen Orchesterklangs, des pointierten Rhythmus, des oratorischen Chorsingsangs und einer geschmeidigen vokalen Eloquenz aufschwingt.

Dabei sind die ganzen 80 Minuten abwechslungsreich und langweilen nie mit ausgeklügelter Selbstbezogenheit. Joseph Trafton koordiniert vom Pult des großbesetzten und um ein Jazz-Trio erweiterten Orchesters aus das ganze Klang(t)raum-Universum souverän.

Wie im Traum

Eins freilich ist wohl neu: das Video-Libretto. Ein knapp einstündiger, assoziativ den Roman "Der Golem" (1915) von Gustav Meyrink umkreisender schwarz-weisser Stummfilm, der zugleich Teil der faszinierenden Traumatmosphäre der dunklen Bühne ist. Dort werden das transparente Wachhäuschen und ein schiefer gläserner Quader, der von Ferne an eine Prager Gasse erinnert, ebenso zu Projektionsflächen, wie die Riesenbildschirme im Hintergrund, auf denen wunderbar melancholische Landschafts- und Geästbilder vorbeiziehen. An der Seite ist der Chor sichtbar unsichtbar auf einer Tribüne platziert. In und zwischen dieser Traumlandschaft schreiten immer wieder nackte Gestalten mit Spitzhüten.

Die Frage nach uns selbst

Hier begegnet Athanasius Pernath (Raymond Ayers) dem gerissenen Trödler Wassertrum, der von seinem Stiefsohn verfolgt wird (beide verkörpert der Altus Alin Deleanu), aber auch Angelina (Astrid Kessler) und Mirjam (Marie-Belle Sandis), deren Vater Hillel (Steven Scheschareg), etlichen anderen und sich selbst. Dabei versteht man zwar jedes Wort, denn das ausgezeichnete in Hand-Mirkos singende Ensemble pflegt die Tugend der Wortverständlichkeit.

Doch nicht unbedingt jeder Hakenschlag des äußeren Geschehens der Collage aus zweiundzwanzig Kapiteln erschließt sich dem schnell gebannten Zuhörer völlig. Muss auch nicht. Denn was man hört, sieht, ahnt, assoziiert kommt als Ganzes an. Einschließlich der Frage, ob Athanasius Pernath im Dickicht seines Unterbewusstseins wirklich dem sagenhaften Golem des Rabbi Löw aus dem 16. Jahrhundert begegnet ist, der alle 33 Jahre durch die Prager Gassen spuken soll.

In dieser Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit ist das gar nicht so wichtig. Die offene Frage nach uns selbst als Gesamtkunstwerk - in dieser Form macht das Lust auf mehr.