"Kann ich jetzt anfangen, die Menschen zu zählen?" Die Frage eines kleinen Mädchens, mittendrin im Gewusel, lässt das Umfeld schmunzeln: Rund 100.000 Menschen - dreimal mehr, als die Bundespräsidentenwahl entschieden haben - tummeln sich am Donnerstagabendbeim "Sommernachtskonzert". Ein Ansturm, den man kommen sah: Wenn es beim Open-Air-Termin der Wiener Philharmoniker einmal nicht den traditionellen Regenguss setzt, bricht eine Völkerwanderung in Richtung Schönbrunn los, dass die U4 nur so schnauft.

Und das natürlich nicht nur, weil die Philharmoniker Strahlkraft besitzen. Das Event, Orchester und Sponsoren sei Dank, ist weiterhin gratis zu besuchen, das Ambiente gediegen, der Verhaltenskodex aber viel lockerer als im Musikverein. Heißt also auch: Smartphonen, Schmausen und Rauchen olé.

Ganz ungezwungen lässt es sich in Schönbrunn dann aber nur auf dem Gloriette-Hügel hocken: Am späten Donnerstagabend ist er fast pointillistisch mit Besuchern gesprenkelt. Im Schlosspark, dem eigentlichen Austragungsort, ist die Akustik weitaus besser; an den Rändern der Kieswege aber herrscht Stehpflicht. Deckenhocker werden hier von Securitys aufgescheucht; wer sich wi(e)dersetzt, wird erneut abgemahnt - und so weiter. Es wiederholt sich dieses Hin und Her fast so oft wie das Programm auf den Bildschirmen vor Konzertbeginn: In einer Endlosschleife trichtert es einem die Gewinner des "Strauß Music Contest" ein. Freilich: Nichts gegen einen Nachwuchswettbewerb, bei dem die Philharmoniker nach "jugendlichen", womöglich gar rockenden Walzer-Versionen suchen. Die Sache hätte aber noch mehr Charme, dürften alle fünf Siegerprojekte live auftreten - und nicht nur, wie hier, ein Ensemble für wenige Minuten.

Poesie und Tschinbumm

Aber das sind Kleinigkeiten. Mit der Erfahrung von 13 Schönbrunn-Jahren schnurrt der "Hauptact" perfekt ab. Verantwortlich dafür ist freilich auch die Musikauswahl. Mitreißend, aber nicht (zu) abgedroschen, ziseliert, aber mit Tschinbumm: Solcherart beginnt schon Bizets "Farandole". Der "Rákóczy-Marsch" verschärft dann die Spannung, poltert aber nicht über die Finessen von Berlioz’ Partitur hinweg; Dirigent Semyon Bychkov stuft die Lautstärke behutsam ab. Wobei: In Schönbrunn sind der Subtilität Grenzen gesetzt. So manche stille Passage aus Poulencs Konzert für zwei Klaviere (Solistinnen: Katia und Marielle Labèque) klingt im Schlosspark wie eine Spieluhr drei Zimmer weiter.

Es war dies aber der einzige Problemfall des Abends: Begleitet von Dämmerbildern aus dem Park, entrücken die süffigen Klangfarben von Ravels Zweiter "Daphnis und Chloé"-Suite in eine Art kollektiven Sommernachtstraum; der "Bolero" reißt einem danach den Applaus aus den Händen. Zugaben folgen, Licht- und Pyro-Effekte. Nur vor dem Ausgang ein paar lange Gesichter: "Es gibt jetzt keinen Einlass mehr, auch nicht in fünf Stunden", bescheidet ein Polizeimegafon all jenen Verspäteten, die vergeblich vor dem überfüllten - und längst abgeriegelten - Gelände harren. Bleibt als Trost nur die CD, ab 10. Juni im Handel.