"Jede in der Kunst formulierte Verzweiflung ist schön" - diese Worte des Komponisten Georg Friedrich Haas hätten ebenso gut als Motto einer Festwochen-Veranstaltung dienen können, die am Samstag und Sonntag im Wiener Konzerthaus stattfand.

Das tatsächliche Motto, "Wehe den eiskalten Ungeheuern", wurde vom Festwochenchef Markus Hinterhäuser in einem Interview mit den Worten erläutert: "Wir leben in einer Zeit, die nicht frei ist von tatsächlichen Bedrohungen, und es wird mir niemand widersprechen, wenn ich sage, dass wir es mit eiskalten Ungeheuern zu tun haben, wohin wir auch blicken."

Auch wenn Hinterhäusers Aussage kritische Zeitgenossenschaft anklingen lässt, handelte es sich bei den aufgeführten Werken sämtlich um Produkte des 20. Jahrhunderts. Karl Amadeus Hartmann schrieb sein "Concerto funebre" 1939 in Deutschland als Ausdruck persönlich erfahrener Ohnmacht: Die von Patricia Kopatchinskaja mitreißend gespielte Solo-Violine evoziert mit einfacher Liedhaftigkeit die Stimme individueller Menschlichkeit, die vom übermächtigen Kollektiv drangsaliert wird.

Auch Ernst Kreneks A-cappella-Werk "Lamentatio Jeremiae Prophetae", entstanden in der amerikanischen Emigration, ist von Verzweiflung über das Weltgeschehen geprägt. So ambitioniert die Komposition, die auf die Versöhnung von "Zwölftontechnik" und Melodie abzielt, so groß die Herausforderung an die Aufführenden - eine Herausforderung, die der Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner souverän begegnete.

Die Isolation des Exils manifestiert sich auch in Hanns Eislers "Hollywooder Liederbuch". Die große Politik spiegelt sich in der kleinen Form: Je selbstgerechter die Drahtzieher der europäischen Katastrophe, desto bescheidener der Gestus dieser Miniaturen, die auch musiksprachlich auf Einfachheit (das hieß für Eisler: Tonalität) setzten. Schade, dass in der Interpretation von Matthias Goerne, den Hinterhäuser selbst am Flügel empfindsam-expressiv begleitete, die Textverständlichkeit in den Hintergrund geriet. Ganz anders die Haltung von Schönbergs "Ode to Napolen Buonaparte", mit der sich der Komponist selbstbewusst in der Tradition von Beethovens "Eroica" und "Wellingtons Sieg" verortet. Zur mit gleichsam strenger Leichtigkeit rezitierenden Sunnyi Melles gesellte sich das Klangforum unter Bas Wiegers, das diese für seine Verhältnisse ungewohnt traditionelle Musik gleichwohl mit Präzision und einer der Thematik angemessenen Schroffheit interpretierte.

Sogwirkung

Das Gefühl der Ohnmacht motivierte wiederum die Entstehung von Georg Friedrich Haas’ Ensemblewerk "Wer, wenn ich schrie, hörte mich". 1999 unter dem Eindruck des Kosovo-Konflikts entstanden, wird die Komposition von einem gleitenden Pulsieren dominiert, das den Zuhörenden mit der Gewalt eines alptraumhaften Sogs zu Leibe rückt. Ungeachtet der prominenten Ahnengalerie, in die das Festival-im-Festival Einblick gewährte, überzeugte Haas’ Komposition mehr als manches Werk eines illustren Vorvaters. Anlässlich der zuletzt erklungenen Variationen über "The People United Will Never Be Defeated!" von Fredric Rzewskis äußerte der Interpret Igor Levit die Frage, auf welcher Seite er selbst denn stehe, eine Frage, die hinter der schönen Verzweiflung der beiden Abende lauerte und auf uns, das Publikum, zurückfiel. Der Veranstaltungstitel ist übrigens die Übersetzung des Titels von Luigi Nonos Werk "Guai ai gelidi mostri". Es beginnt mit den Worten "Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer". In der Interpretation des Klangforums erschien das Werk geradezu ätherisch - verzweifelt schön.

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"Wehe den eiskalten Ungeheuern"

Konzerthaus