"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden", dichtete Wilhelm Busch, und das war mithin lange bevor renitente Jugendliche ganze U-Bahn-Abteile mit ihren Handys beschallen oder leistungsfähige Subwoofer noch drei Etagen tiefer die Wohnzimmerfundamente erbeben lassen. Als Störung, insbesondere was nächtliche Ruhestörung betrifft, assoziiert man geradezu automatisch die Popmusik. Klassischer Musik hingegen billigt man gerne zu, das Gemüt zu beruhigen.

So etwa bei Bachs "Goldberg-Variationen", die ja angeblich für einen von Schlafstörung geplagten Adeligen komponiert wurden. Abseits solch simplistischer Gegenüberstellungen sind Pop/Musik und Schlaf auf vielfältige Weise miteinander verzahnt. Das beweist nicht zuletzt der Umstand, dass 2015 gleich zwei bemerkenswerte Alben unter dem Titel "Sleep" erschienen sind, die im weitesten Sinne einem Begriff von Popmusik zugeordnet werden können und unsere Beziehung zu Schlaf wie Traum auf künstlerische Weise erforschen.

Dark Ambient

Doch bevor diese beiden Platten in den Blick kommen, bietet es sich an, exemplarisch zu erkunden, welcher popmusikalischen Tradition sie angehören. Fangen wir etwa mit Bandnamen an. Ein offensichtlicher Ausgangspunkt wäre Sleep, eine kalifornische Stoner Metal Band, die in den 1990ern drei exzellente Krach-Alben machte, die freilich kaum als Einschlafhilfe funktionieren würden. Eher leise und atmosphärisch hingegen sind die Platten, die der Glasgower Kevin Doherty ab 2001 unter dem Projektnamen Sleep Research Facility veröffentlicht hat. Seine faszinierende Musik erleichtert zweifellos das Einschlummern, allerdings braucht man sich nicht wundern, wenn Dohertys Dark Ambient dann eher Alpträume induziert: tieffrequente, ominös rumpelnde Soundtexturen erschaffen dunkel hallende, mechanisch brummende Klangräume.

Loops aus tiefem, pulsierendem Bass, mysteriös dröhnende Synthesizerakkorde, elektrostatisches Geknister, weicher Industrial Noise und dergleichen mehr sind der unheimliche Soundmix, mit dem Doherty arbeitet. Am eindringlichsten funktioniert das auf dem Album "Nostromo", wo Sleep Research Facility eine bedrohliche Klanglandschaft unterschwelliger Gefahr evoziert, die nicht von ungefähr an den Film "Alien" erinnert, da der Albumtitel sich ja auf den Namen des dort auftauchenden Raumschiffs bezieht.

Klimek ist der Projektname des deutschen Musikers Sebastian Meissner, der bekannt wurde durch seine Beiträge zur immer empfehlenswerten "Pop Ambient"-Kompilationsserie, die auf dem Kölner Label Kompakt erscheint. 2006 veröffentlichte Klimek sein melancholisches Album "Music To Fall Asleep", dessen Titel aber nur eine der möglichen Verwendungsweisen seiner Musik vorschlägt. Man kann und sollte Klimeks Stücke durchaus auch tagsüber mit offenen Ohren hören, um den labyrinthischen Schichtungen der Obertöne nachzulauschen, die Meissner dank elektronischer Manipulation aus dem Sound einer Akustikgitarre zu erwecken vermag. Die Musik auf diesem Album atmet geradezu und bildet dabei einen Klangkörper, in dem man sich geborgen fühlen darf.

Der Kulturwissenschafter Jonathan Crary hat in seinem fulminanten Essay "24/7. Late Capitalism and the Ends of Sleep" gezeigt, dass die allnächtliche Ruhephase, gerade weil sie uns biologisch vorgegeben ist, im Neoliberalismus das letzte Reservat persönlicher Freiheit bildet. Der Schlaf, so Crary, "is one of the great human affronts to the voraciousness of contemporary capitalism. Sleep is an uncompromising interruption of the theft of time from us by capitalism." Im Schlaf greifen die Anforderungen von konstanter Erreichbarkeit und beständig eingeforderter Anpassung an einen ökonomisch definierten Primat nicht mehr, ebenso wie wir nur schlafend der Dauerbeschallung mit Werbung, politischer Propaganda und schlechter Popmusik zu entkommen vermögen.

Kein Wunder insofern, dass eine kritisch vorgehende Popmusik sich in letzter Zeit vermehrt für den Schlaf als Remission und Freiheitsraum interessiert. Ein großes Medienecho löste im Vorjahr die Megakomposition "Sleep" des deutschstämmigen Briten Max Richter aus, der vor zehn Jahren durch berührend schöne Alben wie "The Blue Notebooks" (2004) oder "Songs From Before" (2006) an der Front des neoklassischen Booms in der Popmusik stand.

"Sleep" ist ein, in den Worten des Komponisten, "achtstündiges Wiegenlied", das allerdings weniger darauf abzielt, das Einschlafen zu erleichtern, als vielmehr den durchgehenden Soundtrack zu einem achtstündigen Schlaf zu liefern - hat doch die Schlafforschung nachgewiesen, dass Musik auch bei Schlafenden auf das Gehirn einwirkt. Bei der Komposition des Stückes hat Richter so auch mit dem Neurologen David Eagleman zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass die Musik den schlafenden Körper nicht irritiert, sondern sie durch zyklische Rhythmen vielmehr eine beruhigende Wirkung entfaltet, um den Tiefschlaf zu befördern. Folgerichtig hat Richter sein Werk mehrfach im Rahmen nächtlicher Konzerte aufgeführt, bei denen die Besucher auf bereitgestellten Feldbetten schlummern sollten.