Musikalische Mystik: Dirigent Teodor Currentzis blickt tief unter die Oberfläche. - © homepage
Musikalische Mystik: Dirigent Teodor Currentzis blickt tief unter die Oberfläche. - © homepage

Wien/Perm. Auch ein Telefon-Interview kann zum Ereignis werden. Jedenfalls, wenn man es mit Teodor Currentzis führen will. Der charismatische Dirigent, der sich mit seinen Gefolgsleuten in der russischen Stadt Perm, am Rande Europas, eingenistet hat, ist berüchtigt dafür, Probezeiten zu überziehen - und sich dabei von nichts hemmen zu lassen. Und so wird dann auch das Interview mit der "Wiener Zeitung" erst einmal verschoben - und dann zunehmend zu einer Frage von mystischer Unwägbarkeit. Doch Ende gut, alles gut: Drei Tage später als abgemacht findet der Grieche doch noch Zeit für eine fernmündliche Audienz. Am Montag wird der 44-Jährige, der sich mit eigenwilligen Dirigaten und Statements den Ruf eines Gurus erarbeitet hat, mit seinem Originalklang-Ensemble Musica Aeterna die Saison im Wiener Konzerthaus eröffnen - und damit zugleich einen ihm gewidmeten Zyklus.

"Wiener Zeitung":In Promotion-Videos sieht Perm, Ihre Wirkungsstätte, verschneit, magisch und exotisch aus. Aber ist das nicht einfach eine arme Stadt an der Peripherie Europas?

Teodor Currentzis: Es ist ein kleiner Ort, an dem wir uns unsere Träume erfüllen können. Ich denke, es gibt keine magischen Orte; man kann nur versuchen, selbst Magie zu erschaffen. Andererseits kann die Schönheit eines Ortes schnell verloren gehen, wenn die Menschen durch ihre Einstellung nicht die Schönheit unterstützen. Was wir in unserer Bruderschaft versuchen, ist, etwas Spezielles zu erschaffen.

Bis 2010 waren Sie Chefdirigent der Oper von Nowosibirsk; danach wurden Sie mit Ihrem Ensemble Musica Aeterna für Perm verpflichtet. Stimmt es, dass Sie sich für diesen Umzug Privilegien ausbedungen haben, nämlich: gute Bezahlung der Musiker, künstlerische Freiheit und keine Kontrolle durch die Gewerkschaften in puncto Probezeiten?

Es gibt hier keine Gewerkschaften. Und: Ich kann mir so etwas auch nicht vorstellen. Wir arbeiten wie in einer Familie. Könnte es etwa eine Gewerkschaft der Liebhaber geben? Eine der Priester, eine der Mönche? Das würde doch seltsam klingen. Gewerkschaften wurden für Fabrikarbeiter geschaffen - für Menschen, die etwas Unkreatives tun. Solche Organisationen schützen vor der Versklavung, und das ist wichtig. Aber Musik macht man nicht in einer Fabrik. Musik ist eine Mission, kein Beruf.