"Der Grießbrei der Theorie" sei für einen Konzertgenuss unnötig, sagt Bernhard Günther. - © Nafez Rerhuf
"Der Grießbrei der Theorie" sei für einen Konzertgenuss unnötig, sagt Bernhard Günther. - © Nafez Rerhuf

"Wiener Zeitung":Herr Günther, Sie haben lange für die Philharmonie Luxembourg gearbeitet. Ihr ehemaliger Chef dort, Matthias Naske, ist jetzt Intendant des Wiener Konzerthauses und Präsident von Wien Modern. Sie übernehmen nun die Leitung des Festivals. Hat das etwas mit Naske zu tun?

Bernhard Günther:Nur weil wir uns kennen, habe ich mich getraut, mich zu bewerben. Matthias Naske muss man für Neue Musik nicht erst begeistern. Das gute Miteinander von Wien Modern und Konzerthaus, in dem viele Festival-Termine stattfinden, ist die Grundbedingung dafür, dass dieses Abenteuer überhaupt eine Chance hat. Denn unsere eigene Infrastruktur ist minimal: Wir arbeiten in einem 30-Quadratmeter-Büro, gemietet vom Konzerthaus. Das Budget liegt bei einer Million Euro.

Ist das nicht eine hübsche Summe?

Nicht, wenn man die Stadt einenganzen Monat mit Neuer Musik auf internationalem Niveau bespielen soll, inklusive großer Orchesterkonzerte. Verglichen mit dem Budget anderer, viel kürzerer Festivals ist das erschreckend wenig Geld.

Und doch haben Sie das Angebot erweitert, von rund 50 auf 88 Termine.

Ich möchte, dass Wien Modern unter meiner Leitung mit einem Gongschlag beginnt. Man soll merken, dass sich etwas bewegt. Dafür habe ich nach Synergien gesucht. Wo es wenig Geld gibt, gibt es viele Gespräche. Wir haben etliche Koproduktions-Partner, auch kleinere Institutionen. Wir präsentieren etwa drei Tage lang das Kurzfestival "Comprovise" an der Schnittstelle von Komposition und Improvisation, veranstaltet von der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik).

Im Gegensatz zu Ihren Vorgängern verpassen Sie dem Festival heuer ein Motto: "Die letzten Fragen". Passt das wirklich für alle Termine?

Es gibt Ausreißer, aber viele Stücke dieses Jahrgangs sind tatsächlich existenziell - zum Beispiel im Eröffnungskonzert (3. November) Krzysztof Pendereckis "Threnos", das den Opfern von Hiroshima gewidmet ist. Oder später die Uraufführung von Georg Friedrich Haas’ "Hyena", in dem seine Frau Mollena Williams radikal von ihrer überwundenen Alkoholsucht berichtet. Oder Peter Eötvös’ "stotterndes Oratorium" mit den Philharmonikern und Peter Simonischek. Durch das ernste Thema dominiert heuer ein klassisches Konzert-Setting. Es gibt 19 Streichquartett-Ensembles, aber kaum Klanginstallationen und Performances. Das wird in den nächsten Jahren anders sein. Ich möchte, dass sich Wien Modern immer ein bisschen anders anfühlt - um Abwechslung zu bieten, aber auch um klarzumachen, wie eigenschaftsreich neue Musik ist.

Früher wechselten sich bei Wien Modern im Jahrestakt die sogenannten Schwerpunkt-Komponisten ab. Da gab es also Boulez, Lachenmann, Ligeti, danach wieder Boulez . . .

Der Vorwurf der Wiederholung kam schon bald nach der Festivalgründung auf. Ich erinnere mich an eine Frage aus einer Pressekonferenz in den 1990ern: "Gehen Ihnen nicht bald die Schwerpunkt-Komponisten aus?" Für dieses System, von dem schon meine Vorgänger abgewichen sind, gab es anfangs einen guten Grund: Es bestand Nachholbedarf hinsichtlich der klassischen Stücke des 20. Jahrhunderts. Heute ist das anders: Viele Neue Musik ist leicht zugänglich - durch Konzerte, Tonträger, Internet. Für mich geht es darum, einen mitreißenden, spielerischen, wachen, offenen Zugang zu dem merkwürdigen Terrain der neuen Musik zu eröffnen.

Warum nennen Sie es merkwürdig?

Neue Musik ist ein Feld, auf dem viele verschiedene Stile zuhause sind und viele Streitigkeiten ausgetragen wurden.

Womit wir bei einem wichtigen Thema wären: der Ideologie. Würden Sie der Behauptung zustimmen, dass die dogmatischen Grabenkämpfe in der Neuen Musik allmählich einem offenen Pluralismus weichen?

Es bleibt der Neuen Musik gar nichts anderes übrig. Für mich ist es heute unvorstellbar, dass ein Komponist Kollegen derart abkanzelt, wie es Boulez mit dem Satz getan hat: Wer die Notwendigkeit der Zwölfton-Sprache nicht empfinde, sei "unnötig". Solche Großspurigkeit war hilfreich, um sich von einer Generation zu befreien, deren ästhetische und ideologische Werte man nicht teilte. Heute würde niemand so ein Pathos ernst nehmen. Zugleich ist das Feld der neuen Musik viel pluralistischer geworden, weil die Möglichkeiten explodiert sind: Heute kann jeder Hofer-Laptop mehr als das NWDR-Studio, in dem Stockhausen vor 60 Jahren seine elektronischen Stücke produzierte. Ich versuche, bei Wien Modern ein breites stilistisches Spektrum mit allen Widersprüchen abzubilden.

Die Anzahl der Karten steigt heuer auf 22.000 Stück. Werden die wirklich alle Abnehmer finden?

Ich halte die Neue Musik für vollkommen unterschätzt. Ich denke, wir sind auch in Wien noch weit vom Plafond des Publikumszuspruchs entfernt. Darum versuche ich, ein sehr integratives Programm anzubieten.

Aber meidet die Neue Musik durch ihre Komplexität in Klang und Beipacktexten nicht die Zugänglichkeit wie der Teufel das Weihwasser?

Ich sage nicht, dass es einfach sein muss. Auch das Leben ist sehr kompliziert, und wir halten diese Komplexität in jedem Moment aus. Aber: Um Neue Musik genießen zu können, muss man sich nicht durch den Grießbrei des Diskurses gefressen haben. Diese Musik kann nach Idylle klingen oder nach Dantes Inferno - ihr Reichtum an Eigenschaften sorgt für Faszination. Um sich davon ansprechen zu lassen, muss man keinen Stapel Bücher gelesen haben.