"Nicht wenn es gefährlich ist, die Wahrheit zu sagen, findet sie am seltensten Vertreter, sondern wenn es langweilig ist", schrieb Friedrich Nietzsche. Der Satz wäre geeignet, ihn auf einen Vorfall vom Februar zu beziehen.

Was war geschehen? Das Concerto Köln, ein Alte-Musik-Ensemble, spielte in seiner Heimatstadt ein etwas anderes Programm. Werke, die man von einer solchen Formation erwartet, trafen auf moderne Stücke. Bei der Musik des Minimalisten Steve Reich wurde es Teilen des Publikums zu bunt: Sie protestierten so heftig, dass der Solist am Cembalo abbrach. Diese Aufregung machte aber nicht im Saal halt. Sie übertrug sich auf deutsche Journalisten, und die gelangten in ihren Kommentaren zu desaströsen Befunden. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise und einer erstarkenden AfD stilisierten sie die Geschehnisse zum Ausdruck einer neuen Intoleranz, ja eines Fremdenhasses in Deutschland hoch. Immerhin stammte der Cembalist (Mahan Esfahani) aus dem Iran.

Schönberg bleibt fremd

Könnte der wahre Grund für den Eklat aber nicht - ziemlich unspektakulär gewesen sein? Christoph Becher, Musikmanager und seit dem Vorjahr Intendant des Radio-Symphonieorchesters Wien, fand eine andere Erklärung. In einem Blog der "Neuen Musikzeitung" schrieb er: "Sonntag-Nachmittag-Konzerte wie das in Köln sind das Refugium einer älteren, konservativen Publikumsschicht - daher die wütende Reaktion auf das Stück von Steve Reich, die sich zweifelsohne in der ersten Konzerthälfte bei den Werken von Fred Frith und Henryk Górecki aufbaute." Aber war dieses Stück von Steve Reich ("Piano Phase" aus dem Jahr 1967) nicht steinalt? Kann das noch schockieren? Kann es, meint Becher: "Keine falschen Hoffnungen - das Publikum ist weniger offen, als wir es gerne hätten." Das Urteil, die Hörer müssten sich inzwischen an die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs (1874-1951) gewöhnt haben und an die rhythmischen Spielereien Reichs (geboren 1936), sei ein Trugschluss. Nur weil ein Werk alt ist, sei es dem Publikum längst nicht vertraut. Geschweige denn genehm. Schönberg, schreibt Becher, "gilt für alles, was er nach der ‚Verklärten Nacht‘ (1899) komponierte, als Kassengift". Auch Béla Bartók könne, listig platziert, irritieren: Als das Alban Berg Quartett 1990/91 alle Genrewerke des ungarischen Modernisten ansetzte, hätten etliche Abonnenten gekündigt. Fazit: Das Publikum "reagiert gereizt, wenn Erwartungen durchkreuzt werden."

Um das zu wissen, muss man keinen Fachartikel gelesen haben. Ein paar Jahre ist es her, da spannte das Wiener Konzerthaus für einen Abend (avancierten) Singer-Songwriter-Pop mit Werken der sogenannten Neuen Musik (also der atonalen Tonkunst im Gefolge Schönbergs) zusammen. Resultat: Das Publikum, sichtlich auf Pop eingestellt, begann bei den unvertrauten Klängen laut zu murren. Der Abend schrammte nur knapp an einem Eklat vorbei.

Es ist eine unbequeme Wahrheit: Neue Musik (jedenfalls aus dem deutschsprachigen Bereich) funktioniert fast nur in Schutzzonen. Sie wird dort geachtet, wo sich eine Gesinnungsgemeinschaft in ihrem Namen versammelt - und wo Uneingeweihte lieber nicht aufbegehren, weil ihnen Ächtungsgefahr ("Banause!") droht. Dieser Sachverhalt ist bedenklich. Wenn Neue Musik nämlich nur zu einem Grüppchen Bekehrter predigt, fehlt ihr der Weltbezug.

Musik wird Kunstreligion

Wie konnte es so weit kommen mit der Kunstmusik? Hat sie nicht einen Mozart und einen Beethoven hervorgebracht, bereits Stars ihrer Zeit? Der Abkapselungsprozess lässt sich schon im 19. Jahrhundert ansetzen: Die Ära der Romantik erfindet nicht nur den bürgerlichen Konzertbetrieb, sie verleiht ihm auch das Pathos der Kunstreligion. Im Kontext zunehmend eigenwilliger Werke bahnt sich ein Paradigmenwechsel an. Musste sich einst das Werk vor dem Hörer legitimieren, tritt allmählich das Gegenteil ein. Begriffe wie "Genie", "Fortschritt", "Werkautonomie" ebnen den Weg dafür. Sie versetzen den Komponisten in eine denkbar vorteilhafte Lage. Oder trösten ihn jedenfalls: Wird sein Werk ("Genie") abgelehnt, muss das noch lange nicht den Todesstoß für seine Kunst ("Werkautonomie") bedeuten: Künftige Generationen ("Fortschritt") würden darüber gewiss anders denken. In der Psychologie nennt man so etwas ein Killerargument.

Diese Denkfigur benötigen vor allem die komplexen Klänge des 20. Jahrhunderts. Schon davor hatten Gustav Mahler und Anton Bruckner Dissonanzen aufgetürmt, diese aber noch gütlich in einem Grundakkord aufgelöst. Mit der Zwölftonkunst zieht Schönberg der Musik auch diesen Boden unter den Füßen weg (und versuchte seine Neuerung als Fortführung konservativer Formprinzipien kleinzureden). Das breite Publikum schwindet, die Nationalsozialisten verbieten diese Musik als "entartet". Was heute wenig bekannt ist: Schönbergs Zwölfton-Technik war vor ihrem Verbot nicht allgemein verbreitet. Sie war nicht wie eine Jahreszeit über die gesamte Komponistenwelt gekommen.