Die Programmatik von Wien Modern scheint unter dem neuen Festivalleiter Bernhard Günther weniger auf das ganz Neue zu zielen als auf eine Zusammenfassung des bisher Erreichten - durchaus mit einer Tendenz zum Monumentalen. So steht im Rahmen eines Streichquartett-Schwerpunkts neben Schönberg und Schostakowitsch auch Harrison Birtwistle mit seinem gesamten Quartettschaffen im Rampenlicht.

Das altgediente Arditti-Quartett präsentierte am Dienstagabend im Konzerthaus Birtwistles vollständiges uvre für diese Besetzung - mit einem kraftvollen Zugriff, der die Zartheit der Musik dennoch zu ihrem Recht kommen ließ. Dabei stellt schon das früheste Werk der Reihe ein gattungstechnisches Unikum dar: "Pulse Shadows" (1989-1996) kombiniert Quartettsätze von schroffer Nachdrücklichkeit mit Vertonungen von Gedichten Paul Celans, in denen Claron McFaddens instrumental eingesetzter Sopran mit den Solisten des Klangforum Wien zu einer Einheit von beklemmender Eindrücklichkeit verschmolz. 2007 entstand Birtwistles erstes Streichquartett im engeren Sinn, dem die Pausen ebenso den Gestus nachdenklichen Innehaltens verleihen wie der erstmals in Österreich aufgeführten Komposition "The Silk House Sequences". Die auf der losen Anordnung kontrastierender Zustände basierende Struktur verleiht der Musik des Briten bei aller Ernsthaftigkeit eine spielerische Leichtigkeit, die sie trotz der streckenweise hohen Komplexität des Gewebes luzide wirken lässt. Die Ardittis begannen übrigens mit einer Zugabe: dem eigens für das Ensemble komponierten "Hoquetus Irvineus".